Hirtenbrief #4

Stallbau - Info für die Paten - Troll: Der Irre auf vier Beinen und was er mit Kultur zu tun hat

Liebe Freundinnen und Freunde der Ruhrschäferei!

Stallbau

Ein arbeitsreiches und aufregendes Wochenende liegt hinter uns. Das Grundgerüst des Stalles steht. Dank zahlreicher Freunde und Freundinnen gelang es, die drei ansteigenden Rahmentore unfallfrei aufzurichten und – genauso wichtig – zu stabilisieren, bevor das bedenklich hohe Balkengerüst wieder zusammenstürzte. Ohne Baukran, aber mit dem unwiderstehlichen Charme der Dilettanten und dem erfinderischen Einsatz der vorhandenen Bordmittel durch klug kooperierende Menschen. Danke an euch alle! Es war eine private Sternstunde experimenteller Archäologie: Wir wissen zwar jetzt immer noch nicht wirklich wie Stonehenge oder das siebentorige Theben gebaut wurden, aber so ähnlich muss es gewesen sein.

Was jetzt folgt, ist vermutlich weniger dramatisch, aber noch viel Arbeit: Stützpfähle einbetonieren, weitere Balken herantransportieren und einbauen, Rispenbänder spannen und, damit die Ruhrschäferei einen Platz im Trockenen für Gerät und kranke oder junge Tiere hat: Dach decken – in vier Metern Höhe auch kein Job für Kellerkinder.

Damit bin ich beim Hauptanliegen dieses Hirtenbriefs:

Liebe Paten!

Nochmal vielen, vielen Dank für eure Unterstützung. Und gleichzeitig eine Bitte um Verständnis: Ich habe euch wirklich nicht vergessen. Aber ich brauche noch ein paar Tage, bis Fotos und Patenurkunde losgeschickt werden können.

Zur Zeit überstürzen sich noch die Ereignisse: Die Schafe sind da, und müssen täglich versorgt, gekoppelt und gehütet werden. Bei der Abendkontrolle stellt sich plötzlich heraus: Die Herde ist ausgebrochen! Die Schafe müssen in der Dämmerung wieder eingefangen und die Zäune wieder aufgestellt werden, weil ein Hund der bisher eigentlich sehr kooperationsbereiten Spaziergänger die Herde aus dem Pferch gesprengt hat. Presse, Funk und Fernsehen geben sich die ja noch garnicht vorhandene Klinke in die Hand – z. B. hat gestern der WDR zum zweiten Mal 6 Stunden gedreht Ich werde das ja eigentlich erfreuliche Medieninteresse in der nächsten Zeit etwas herunterfahren müssen, weil ich die Zeit für Betrieb und Aufbau der Schäferei brauche.

Also: ich bin guten Mutes, dass das alles auf die Reihe kommt und demnächst gut sortiert ist , aber bitte lasst mir noch ein paarTage Zeit! Spätestens in der ersten Dezemberhälfte werdet ihr Bilder und Urkunden bekommen. ls Weihnachtsgeschenk?

Beste Wünsche an alle Freunde und Freundinnen der Ruhrschäferei!

Florian Preis

 

Auf den nächsten Seiten noch ein kleiner Anhang:

Der Irre auf vier Beinen und was er mit Kultur zu tun hat

Troll, der 12-jährige Veteran, war zunächst nach der Ankunft der Herde außer Rand und Band und benahm sich wie nicht gescheit. In den folgenden Tagen sprang er im Auto auf der Fahrt zu den Schafen auf dem letzten Kilometer wie Rumpelstilzchen hin und her, schrie, als ob er verprügelt würde und machte Anstalten, die Innenverkleidung abzureissen.

Er musste als erstes und zwar sofort wieder lernen, dass die Schafe sich auch dann erschrecken, wenn er aus zweihundert Metern Entfernung in Höchstgeschwindigkeit wie eine rasende Furie mit waagerecht fliegenden Haaren auf die eingepferchte Herde zurennt und dann zwei Meter vorm Zaun eine Vollbremsung mit Volte macht. Inzwischen lässt er sich mit entsprechend energischer Führung zu einem gesitteten Verhalten an der Herde bewegen, aber man muss immer noch aufpassen, dass sein Temperament nicht mit ihm durchgeht.

Troll ist ein klassischer Vertreter der Schafpudel, ein Schlag der Altdeutschen Hütehunde, der vor allem bei den Schäfern in Mecklenburg–Vorpommern und Brandenburg verbreitet war. Unermüdliche Workaholics, die sich von keinem aufgebrachten Ziegenbock den Schneid abkaufen lassen, nicht einfach nur Befehle befolgen, sondern verstehen, worauf es ankommt. Auf die der Schäfer sich verlassen kann, auch wenn 1.000 Schafe zwischen ihm und dem Hund sind und die Herde gerade eine Bundesstraße überquert und die eine Linie auch dann halten, wenn es hektisch wird.

Die halbe Hüteelite der DDR gehört zu Trolls persönlichen Vorfahren. Nach der Wende verschwanden die LPG`s und mit ihnen vielfach auch ihre grossen Schafherden mit ihren Hunden. Mitte der neunziger Jahre waren die Schafpudel fast ausgestorben: Es gab in ganz Deutschland nur noch ungefähr 120 Tiere. Schäfer gründeten dann die Arbeitsgemeinschaft zur Zucht Altdeutscher Hütehunde (AAH), um die verschiedenen Landschläge – auch aus anderen Teilen Deutschlands – zu erhalten. Die Hunde sind keine Rassehunde im Sinne des VDH (Verband für das Deutsche Hundewesen, der ungefähr so gruselig ist, wie er sich anhört) und die AAH hat festgelegt, dass sie das auch nie werden sollen. Die Zuchtzulassung erfolgt über die Hüteeignung, statt nach einem Rassestandard. Wenn in diesen närrischen Tagen darüber nachgedacht wird, ob der Karneval zum UNESCO-geadelten kulturellen Schatz der Menschheit gehört: Diese Hunde sind altes kulturelles Erbe. Sie sind in ihren Eigenschaften das Ergebnis einer Jahrhunderte alten Form der Schafhaltung, nämlich der Hütehaltung großer Herden in einer Landschaft, die nicht mehr durch tierische oder menschliche Räuber verunsichert wird – also in Deutschland etwa seit dem Dreißigjährigen Krieg.

Das Problem: So wie zum Kulturdenkmal erhobener Karneval trotzdem tot ist, wenn er nicht im wirklichen Leben gelebt wird – und sei es durch „tagelanges gemeinschaftliches Besäufnis“ (Manni Breuckmann), so sind die alten Hütehundschläge mit all ihren Eigenschaften nur zu bewahren, wenn auch die Hütehaltung nicht verschwindet, in der sie entstanden sind. Ein Zurückdrängen der Wanderschäfer und die zunehmende Koppelhaltung bei Schafen würde sonst den Altdeutschen auf Dauer den Boden und die Aufgaben entziehen.

Das Hüten von Schafen zur Landschaftspflege auf Brachen mit (noch) offener Nutzung bzw. auf Dauer renaturierten ehemaligen Industrieflächen wären insofern ein im Feuilleton noch unentdeckter Beitrag zur Kulturpflege und ein ruhrgebietsspezifisches ONLY-WE-Ereignis: SCHÄFERKULTUR AUF INDUSTRIENATUR.

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Aktualisiert: 05.12.2016 22:32:39