Hirtenbrief #5

Liebe Freundinnen und Freunde der Ruhrschäferei!

Über die allmähliche Verfertigung des Stalles beim Bauen

Der Stallbau schreitet – wie auf www.facebook.com/Ruhrschaeferei zu sehen – sichtbar voran. Zunächst provisorisch konnte inzwischen auch schon der Lämmerstall in Betrieb genommen werden. Allerdings ist der Ablauf völlig anders, als wenn man bei Hornbach ein Gartenhäuschen kauft und mit einem dazugehörigen Videofilm die vorgefertigten Teile zusammen steckt.

Stattdessen entwickelte sich – analog der berühmten Erkenntnis Heinrich von Kleists „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ – ein Verfahren, dass man „Über die allmähliche Verfertigung der Stallkonstruktion beim Bauen durch Einbeziehung der Vorschläge und Ideen aller Beteiligten“ nennen könnte. Unsere ursprüngliche Planung wird jedenfalls durch den Stall, wie er jetzt durch die Anregungen der Helfer entsteht, stark verändert, verbessert und – wie ich meine – übertroffen.

Ein Gebäude erstellt in quasi experimenteller Architektur made by RUHRSCHÄFER AND FRIENDS. Schön, zu erleben, dass so eine Koproduktion tatsächlich funktioniert. Die Holzständerkonstruktion hat einen durchaus eigenwilligen, aber vertrauenswürdigen Charme („Sieht aus wie Hippiarchitektur aus Christiania“, sagte ein Architekt) und die Dachsparren aus grossen Bambusstämmen geben der Architektur eine leicht asiatische Note, die auf allgemeine Zustimmung stößt.

What a beautiful team

Nur mein Vater, der für seinen Mangel an Geschmack und seine abseitigen Kommentare bekannt ist, sagte: Das sehe aus wie die Borneo – Abteilung des Duisburger Affenhauses. Und mein Bruder Till, der in vier Metern Höhe auf den Bambusparren herumturnte, sei nicht nur der schönste Orang Utan nördlich der Emscher sondern außerdem auch der einzige, der Landrover fahren könne.

Kurz danach hat er fast den Lada Niva im Schlammloch vor dem Stallgelände versenkt, weil er, wie Till sagte, nicht die Tangente, sondern die Center Line genommen hat. Das war praktisch nicht ganz so lustig, wie es auf den Videos bei Youtube meistens aussieht. In der anschliessenden Matschorgie trug mein Vater wie immer, egal ob Wandertag oder Weihnachtsfeier, seine unvergleichlichen Blundstone-Stiefeletten, von denen er sagt: Was auch immer einem Mann zustößt – mit Blundstone Chelsea Boots bist du nie allein.

Als nun diese Kultschuhe drohten, von unsichtbaren Kräften mit einem schlürfenden Geräusch in unwiederbringliche Tiefen gezogen zu werden, begann er sich aufzuführen, wie Beowulf beim Kampf gegen Grindel aus dem Sumpf. Zum Glück war Till dabei, der das Schlimmste verhüten konnte. Und neulich, nach einer Augenoperation fing er beim Hüten an, auf seiner Blockflöte Melodien von Blind Guardian zu spielen und behauptete, mit einem Auge könnte man nur die Hälfte der Schafe sehen.

Ich schreibe das, um deutlich zu machen, dass – neben den vielen Freunden und Unterstützern der Ruhrschäferei – meine Familie eine wirklich große und zuverlässige Hilfe ist, z. B. mein Onkel Gregor, der bei Regen und Kälte zur Stelle war, aber dass es auch ein Familienmitglied gibt, mit dem es nicht immer einfach ist.

Neue Website und ein Anhang

Wie im letzten Hirtenbrief halte ich für Euch noch einen Anhang bereit, der sich diesmal mit guten Hirten und ihrem schlechten Bild sowie der Wanderschäferei beschäftigt. Unsere neue Website ist noch in Arbeit, der dann kommende Blog wird diese Artikel aufnehmen. Bis dahin müssen wollen wir beim Kompromiss bleiben: Es wird immer mal wieder einen geballten Hirtenbrief geben. So oder so: Viel Spaß beim Lesen.

Allen Freunden und Freundinnen der Ruhrschäferei wünsche ich ein frohes, neues Jahr! Ich freue mich auf 2014!

Florian Preis

 

Vom guten Hirten

Papst Franziskus hat es in seiner noch kurzen Amtszeit bereits mehrmals geschafft, mit seinen Verlautbarungen sowohl Gläubige als auch Ungläubige zu erstaunen. Das für theologische Anmerkungen bisher nicht bekannte Fachblatt „Schafzucht“ erwähnt in seiner letzten Ausgabe, dass der Papst kürzlich daran erinnert hat, dass es viele Geistliche gibt, die sich zwar Pastor nennen, was bekanntlich das lateinische Wort für Hirte ist, von ihrer Herde aber in Wirklichkeit keine Ahnung haben, weil sie in anderen Welten leben. Und er fordert sie auf, sich die Schäfer als Vorbild zu nehmen, die mit ihrer Herde leben, sie kennen, sich um sie kümmern und ihren Stallgeruch tragen, statt sich in naserümpfender Distanz mit Rasierwasser einzunebeln.

Nun irrt der Papst – in diesen Dingen kann auch der Papst irren – wenn er meint, Schäfer würden kein Rasierwasser benutzen. Aber er hat im Großen und Ganzen Recht – und das ehrt uns Schäfer –, wenn er uns in Zeiten einer von allen moralischen Maßstäben verlassenen Massentierhaltung, für die Respekt vor den Mitlebewesen eine geschäftschädigende Sentimentalität ist, immer noch ein Verhältnis zu den Tieren zuschreibt, dass von Nähe, Vertrautheit, Vertrauen und Verantwortung geprägt ist.

Es ist die berufsethische Gretchenfrage an die Schäfer, ob das so bleibt. Der Druck der Ökonomie ist brutal. Schon gibt es Tendenzen, Elemente aus der exportorientierten Intensivlandwirtschaft wie z. B. Lämmermast im Stall auch in der Schäferei einzuführen. Vor der Drohkulisse: „Wachsen oder weichen“ haben zu viele Bauern alle Regeln traditionellen bäuerlichen Anstands entsorgt – um am Ende doch weichen zu müssen. Mag sein, dass es bei den Schäfern immer ein paar mehr Menschen gegeben hat als woanders, die aus Armut oder aus Eigensinn sich an den Rändern der Ökonomie eingerichtet haben und sich mit unzeitgemäßem Starrsinn und herausragender fachlicher Kompetenz der scheinbaren Rationalität des bedingungslosen Gewinnmachens verweigert haben. Möge es auch in Zukunft genug von denen geben, die dazu beitragen, dass die päpstliche Wertschätzung der Schäfer weiterhin gerechtfertigt ist.

Der Schäfer ist ein über 10.000 Jahre alter Beruf, der noch vor Entwicklung der Landwirtschaft (mit der er dann später oft in Konflikt geriet) dazu beitrug, die ernährungsmäßigen Voraussetzungen zu schaffen für die ersten städtischen Ansiedlungen im Zweistromland. Deswegen ist auch, um das hier einmal in aller Deutlichkeit klarzustellen, der Schäfer das älteste Gewerbe der Welt und nicht etwa die Huren, die das völlig zu Unrecht beanspruchen, weil sie nämlich erst in den später entstehenden Städten ihr Arbeitsfeld fanden.

Weil er von allem zivilisatorischen Anfang an da war, bleibt der Schäfer durch alle mittelmeerischen Kulturen hindurch das Urbild von Behütetsein und Geborgenheit auf eine doppelte Weise: Der Schäfer schützt die Herde vor den Gefahren durch Wildnis und wilde Tiere und er schützt mit seinen Herden die Menschen vor dem Ausgeliefertsein an eine unberechenbare Natur, weil er verlässlich Fleisch, Milch, Wolle und Leder liefert.

Deswegen taucht der Schäfer als wiederkehrende Figur in vielen kultischen Texten und Abbildungen, sowie insbesondere im Alten und Neuen Testament auf. Und deswegen – in aller gebotenen Ehrerbietung und mit der uns eigenen Bescheidenheit – als Memento an die Anfänge und als freundlicher Gruß von Ruhrschäfer an Ruhrbischof: Ohne Krummstab des Schäfers kein Bischofstab.

Borderline

Neben dem Bild vom Guten Hirten gab es immer auch noch eine andere, dunkle Wahrnehmung des Schäfers. Er war der, der draußen war und nicht wirklich dazugehörte, der ins Dorf kam und wieder ging, der sich mit giftigen und heilenden Kräutern auskannte und der zu Hilfe geholt wurde bei schwierigen Geburten nicht nur bei Schafen. Er war es, der mit fahrendem Volk verkehrte, und der auch bei Gewitter, Nacht und Nebel in der Heide allein war. Mit ihm war Unbekanntes und Unheimliches verbunden. Lange gehörte er nicht zu den ehrbaren Berufen.

Der Schäfer war der Bruder der Hexe. Sie ist die Hagazussa, d. h. die, die auf der Hecke sitzt, die den Garten von der Wildnis trennt. Sie geht zwischen Garten und Wildnis hin und her und kennt sich in beiden Welten aus. Mit Handy und Geländewagen ist diese Grenzlinie scheinbar durchlässiger geworden. In Wahrheit lässt die Digitalisierung der Welt, die die sinnliche Erfahrung der elementaren Natur durch ein vernetztes Kaleidoskop von virtuellen Sekundärerfahrungen ersetzt, die unvermittelte Begegnung mit der Natur eher noch mehr zum Schock werden, wenn der Akku leer ist.

Wanderschäferei

Zum Jahresende ist die Herde zum ersten Mal auf eine andere Fläche zur Winterweide gebracht worden,die ein freundlicher Landwirt im angrenzenden Ortsteil mir zum Abweiden zur Verfügung gestellt hat. Die neue Fläche ist nicht weit und noch können die Schafe mit mehreren Touren im Anhänger dorthin gebracht werden. Ich denke, in diesem Jahr wird das mit mehr Tieren wohl nicht mehr gehen und ich werde mit der Herde zu den Winterflächen ziehen müssen, wo auch immer die sein werden. Die beiden Hütehundlehrlinge Minou und Ayla müssen bis dahin noch viel lernen, obwohl ich bisher für den Anfang mit den beiden schon ganz zufrieden bin.

Noch – und ich denke auch in der nächsten Zeit – werde ich mit den Tieren sozusagen in Sichtweite des Kirch- bzw. Zechenturms bleiben. Kaum zu glauben, dass es auch heute noch in Baden-Würtemberg Wanderschäfer gibt, die zu ihren Winterweiden 300 Kilometer mit der Herde wandern – hin und zurück 600 Kilometer! So weit werde ich wohl nie ziehen. Aber mal sehen, was sich in ein paar Jahren ergeben hat. Der Horizont ist offen.

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Aktualisiert: 05.12.2016 22:40:48