Hirtenbrief #6

(Bald) Stall-Eröffnungsfest - Paulus, unser freundlicher Bock und Türsteher - Zwischenräume und Rückseiten. Das Ruhrgebiet: Eine Region mit viel Platz zwischendrin

Liebe Freundinnen und Freunde der Ruhrschäferei!

Stalleröffnungsfest für Paten, Patinnen und Friends

Nachdem, wie ihr auf facebook.com/Ruhrschaeferei sehen konntet (das kann man übrigens auch dann, wenn man bei Facebook nicht registriert ist), das Außengebäude des Stalles Anfang des Jahres fertiggestellt war und nun auch die Inneneinrichtung mit Einzelbucht, Raufen und Heuboden im Großen und Ganzen fertig ist, war eigentlich der heißersehnte Zeitpunkt gekommen, an dem wir, wie angekündigt, das Stalleröffnungsfest mit euch feiern wollten.

Wir hatten dabei allerdings im Zauber des Indian Summer einen misslichen Umstand nicht bedacht: Zur Zeit sind – bis auf die kürzlich geborenen Lämmer mit ihren Müttern – gar keine Schafe auf der Fläche am Waldteich. Die Herde ist zur Zeit zur Winterweide einige Kilometer entfernt am Rande des Rotbachtals auf einer als solcher nicht sehr einladenden Wiese.

Dazu kommt, dass wir auf der Fläche um den Stall herum wochenlang wie Robert Redford in „All is lost“ mit den Tücken überbordender Regenwasserfluten zu kämpfen hatten, die das angrenzende Gelände in eine zwar eindrucksvolle, aber für den durchschnittlichen urbanen Spaziergänger doch eher abschreckende Schlammwüste mit nur geringer Aufenthaltsqualität verwandelt haben. Damit nicht genug, sorgten auch die – wenngleich nur mässig – winterlichen Temperaturen dafür, dass das Verweilen in diesem temporären Feuchtbiotop voraussichtlich nicht wirklich gemütlich wäre.

Kurz und gut: Nach Rücksprache auch mit einigen Paten und Patinnen, die mich in der letzten Zeit besucht haben, möchte ich Euch vorschlagen, die avisierte Eröffnungsfeier auf einen Termin zu verschieben, an dem die Herde wieder am Waldteich sein wird, weil sie bis dahin dort wieder Futter findet. Auch für die Menschen wird der Aufenthalt auf dem Stallgelände dann wieder behaglicher sein. Wann das genau sein wird, werden die Frühlingsgeister mit den bisher ja ziemlich schlappen Schnee- und Frostgespenstern zu regeln haben. Sobald die Rückkehr zum Waldteich abzusehen ist, gebe ich dann den Eröffnungstermin per Newsletter bekannt. Ich hoffe, dass eine solchen Regelung euer Einverständnis finden kann. Natürlich besteht bis dahin weiterhin für jeden Paten die Möglichkeit, mich und die Schafe nach Absprache zu besuchen.

An dieser Stelle nochmal die Erläuterung zu einer FAQ: Das ist in der Sprache der Digital Natives eine HÄUFIG GESTELLTE FRAGE. Digital natives sind Eingeborene, die Malen nach den Zahlen 0 und 1 gelernt haben. Also: Die PATENSCHAFE sind MUTTERSCHAFE oder ZIPPEN (das sind zukünftige Mutterschafe – also quasi die Teenager im Bestand ). Im Unterschied zu den Bocklämmern, die diejenigen sind, die mit ca. einem Jahr das Lammfleisch liefern, tragen sie mit ihren Lämmern sowie deren Kindern und Kindeskindern sieben oder acht Jahre lang zum Wachstum der Herde bei. Sie sind sozusagen Basis, Rückgrat und Rückhalt der Herde. Ihr Bestand wird durch eine Schafpatenschaft erweitert.

Vom Paulus zum Saulus

Paulus, der freundliche Bock, ist seit einiger Zeit dabei, mit bisher verborgen gebliebenen Charaktereigenschaften zu beeindrucken. Auf der Winterweide hat er sich zu einem ebenso prächtigen wie muskulösen Kraftpaket entwickelt, das mit dem Ausdruck stoischer Ruhe und souveräner Gelassenheit auf seine Schafe aufpasst. Im Gegensatz zu den Hunden verzieht er dabei keine Miene. Inzwischen muss man sich allerdings gut vorsehen, wenn man die Koppel mit der Herde betritt, weil Paulus sich als der für die Veranstaltung zuständige Türsteher begreift, der die Zugangskontrolle regelt.

Kriterien wie Dresscode, Haarfarbe, Geschlecht oder Alter sind dabei für das Publikum bisher nicht erkennbar. Mit dem berufstypisch ungehobelten Auftreten wird weder lange gefackelt, noch gibt es irgendwelche Begründungen. Sowohl Tina, als auch weitere Besucher sind von ihm schon gerammt worden. Wenn ich ein Schaf aus der Herde herausfangen will, weil ich ihm die Klauen schneiden muss, muss ich vermuten, dass Paulus hinter meinem Rücken schon Anlauf nimmt. Um es mal behutsam zu formulieren: Das stört die Konzentration bei der Arbeit. Damit man ihn im Konfliktfall besser packen kann, trägt er jetzt dauernd ein sehr hübsches gelbes Halfter, aber man muss schon ein gewisses Standing haben, damit er ggfs. nicht mit einem quer über die Wiese Schlitten fährt, ohne dass Schnee liegt.

Minou, die momentan ohnehin in einer hormonell etwas instabilen Phase ist, ist der Lage überhaupt nicht gewachsen. Nachdem sie bei einigen Schafen ein paar Mal ganz gut gegengehalten hatte, geht sie jetzt in weitem Bogen stiften und wartet lieber beim Auto. Die Erfahrung wiederum, plötzlich mit den Schafen alleine auf der Wiese zu stehen, erfüllt den Schäfer natürlich mit Ingrimm, den er gleichzeitig so kontrollieren muss, dass er Minous Verunsicherung nicht noch vergrössert. Paarbeziehungen, zwischen wem auch immer, können kompliziert sein. Da Ayla weiterhin noch zu jung ist, gehe ich deswegen seit ein kurzem wieder mit Troll an die Herde. Troll, der zwölf Jahre alte Schafpudelrüde, springt immer noch kreuz und quer über die Netze. Schafpudel handeln nicht nach Befehls- sondern nach Auftragstaktik, d. h. sie befolgen nicht wie viele andere Hunde stumpf ein Kommando, ohne dessen Sinn zu begreifen, sondern sie verstehen, worum es geht und handeln sinngemäß. Probleme mit Schafpudeln ergeben sich deswegen oft dann, wenn der Hund klüger ist als der Besitzer oder gerade eine andere Sinndeutung als dieser hat.

Am ersten Tag geht Paulus sofort auf ihn los, aber dieser Hund sucht nicht das Weite, sondern attackiert seinerseits den Angreifer, der daraufhin beidreht. Paulus versucht dann noch zweimal, Troll zu rammen und fängt sich insgesamt dreimal einen Kontakt mit dessen Vorderzähnen ein. Ein energisches, ganz und gar humorloses Zwacken ohne wirkliche Verletzung, aber durchaus so schmerzhaft, dass es – egal ob bei Schaf oder Mensch – situativ erwünschte Verhaltensänderungen wirksam unterstützt. Genau die wohldosierte Balance, die Hütehunde beherrschen müssen wenn sie „Griff zeigen“ , wie die Schäfer das nennen. Beim drittenmal hat Paulus begriffen, dass dieser Hund nicht zu Scherzen aufgelegt ist und bleibt vernünftigerweise auf Abstand.

Nachdem Paulus auf Koexistenz geschaltet hat, meinen einige Mutterschafe, sie müssten in die Bresche springen. Nach mehrfachen Attacken auf Troll, die alle sozusagen im Hundumdrehen dazu führen, dass sie diesen haarigen Springteufel am Hals bzw. an der Keule haben, sehen sie ein, dass es auch für sie besser ist, das bleiben zu lassen. Als Troll am nächsten Morgen zur Herde kommt, halten sich alle Schafe in ruhiger, aber respektvoller Distanz. Ein friedliches Bild. Paulus ist weiterhin der Chef. Einen matriarchalen Putschversuch wegen öffentlicher Verweigerung der Männerrolle hat es offenbar nicht gegeben. Und solange Troll dabei ist, lässt Paulus mich in Ruhe. In der Edda, der isländischen Lieder- und Mythensammlung wird von dem Wetter- und Gewittergott Thor berichtet, der in einem Wagen fährt, der von zwei Böcken mit den höchst sonderbaren Namen Tanngnjostr d.i. der Zahnknisterer und Tanngrisnir d.i. der Zahnknirscher gezogen wird. Auch wenn es sich dabei um Ziegenböcke handelt, habe ich überlegt, ob ich Paulus auch vor so einen Wagen spanne, damit er seine Kräfte etwas sozialverträglicher einsetzt. Aber wer weiß, wo er mich dann hinfährt.

Mein Urgroßvater, der im Grenzgebiet von Münsterland und Ruhrgebiet lebte und zur Ernährung seiner stattlichen Familie einige Kühe und Schweine hielt, hatte eine Kuh, die es gelernt hatte, einen Sack Getreide zur Mühle tragen. Eigentlich könnte Paulus auch gut die 20 Liter-Kanister mit Trinkwasser für die Schafe auf die Wiese schleppen. Aber so wie er mich ansieht, wenn ich mit den Behältern ankomme frage ich ihn lieber erst gar nicht. Im Übrigen ist er für die Herde weiterhin eine unumstrittene Führungspersönlichkeit. Als ich das letzte Mal die Herde auf eine andere Wiese umsetzen musste, marschierte er ohne zu zögern auf den Transportanhänger und das erste Dutzend folgte ihm bereitwillig. Nachdem der Vortrupp mit Paulus auf die neue Wiese gebracht worden war, drohte der Versuch, das zweite und dritte Dutzend auf den Hänger zu verfrachten zu einer Art Fangenspiel auszuufern, das vielleicht die Schafe lustig fanden, aber nicht der Schäfer.

Troll gehen bei einer solchen eher subtilen Aufgabenstellung, bei der es auf sanftes Geleiten und beruhigendes Zureden statt auf schwungvolle Beschleunigung ankommt, wegen hitziger Übermotivierung leicht die Pferde, bzw. die Schafe durch. Deswegen muss er zu seinem Leidwesen in solchen Situationen auf die Reservebank, wo er empört darauf wartet, dass er wieder eingewechselt wird. Stattdessen habe ich dann Paulus zurückgeholt, der – vom Hänger aus – nur mit seinem betörenden Blick und nahezu wortlos den Rest der Herde dazu brachte umgehend zuzusteigen und sich auf die neue Fläche bringen zu lassen. Insofern muss ich zugeben, dass er alles in allem schon ein toller Kerl ist, auch wenn er mir ein paar blaue Flecken verpasst hat.

Zwischenräume und Rückseiten

Das Ruhrgebiet war zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als in Oberhausen immerhin schon seit Jahrzehnten Stahl gekocht wurde, eine dünn besiedelte landwirtschaftlich genutzte Region mit noch urtümlichen Bereichen wie dem Emscherbruch, in dem damals noch Wildpferde gefangen wurden. Über diese Landschaft wurde dann im Laufe des Jahrhunderts ohne große Rücksicht auf vorhandene Ortschaften die Makrostruktur der Zechen und Hochöfen gelegt, die mit den Berg- und Stahlarbeitersiedlungen um sich herum eine an den Fördertürmen und Stahlwerken orientierte vielgestaltige Siedlungsstruktur entstehen ließ. Deswegen wohnen wir heute nicht in einer ordentlich um Dom und Stadtmauer herum gewachsenen Stadt, sondern in einem Flickenteppich einzelner Orte und Stadtteile, die zum Teil ineinander übergehen, oft aber auch Freiflächen, Felder und Waldgebiete umfassen, wo Besucher von außerhalb dann immer sagen: „OHH!! Dass es hier soviel Grün gibt, das hätten wir aber nicht gedacht!“ Und der Ruhrgebietler denkt dann leicht genervt: „Na, was hast du denn erwartet? Bleiche Menschen unter dunklen Wolken?“ Aber höflich wie er ist sagt er: „Ja, dass es hier so viel Grün gibt, das hättet ihr nicht gedacht, oder?“ Und manchmal erzählt er den Besuchern dann noch, dass die Herren von Kohle und Stahl keine Lust hatten, ihre Gewinne – mittels Wuchermieten ihrer Arbeiter – mit irgendwelchen parasitären Grundbesitzern zu teilen. Die Wohnungen für ihre Belegschaften haben sie lieber gleich selber gebaut und deswegen mussten die Löhne nicht ganz so hoch sein, weil die Mieten nicht ganz so hoch waren. Und weil es bei den Krupps damals noch keine BWLer gab, wussten sie und andere Ruhrbarone, dass sie ihre Arbeiter außerdem über den firmeneigenen Kosmos von Wohnung, Konsumanstalt und Werksfürsorge besser und nicht zum Schaden der Firma an ihr Unternehmen binden konnten.

Dabei entstanden Siedlungen – nicht nur die berühmte Margarethenhöhe –, die – gebaut nach dem Gartenstadtprinzip – einfache Menschen wie dich und mich beim Anblick von ein Dreivierteljahrhundert später entstandenen Wohnungsbauten fragen lassen, welche Gemütsverwirrung eigentlich in der Zwischenzeit den Stand der Architekten befallen hat und was in sie gefahren ist, das alles zu vergessen, was sie offenbar schon mal gekonnt hatten. Und was sie stattdessen dazu gebracht hat, Menschen in 20 Etagen übereinander zu stapeln, nur um sie in den Genuss einer Zentralheizung zu bringen.

Was es jedenfalls im Ruhrgebiet vom Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert bis zum Ende der Hochzeit der Montanindustrie nicht gegeben hat, war Boden- und Wohnungsspekulation in stadtbildprägendem Ausmaß. Das blieb Krisengebieten wie Berlin vorbehalten, wo im Wedding Quartiere entstanden, die bis in den dritten oder vierten Hinterhof gestaffelt waren und in dem rachitische Kinder spielten, die die Sonne nicht sahen. Deswegen ist das Ruhrgebiet bis heute eine Region mit viel Platz zwischendrin.

Und deswegen mag ich es, durch Straßen zu fahren an Häuserreihen entlang und dann ist da eine Lücke und dann sieht man: Hinter den Vorgärten und den Häusern sind Gärten und dahinter Äcker und Wiesen, und dann biegt man ab in eine Sackgasse und steht plötzlich am Waldrand und denkt: Bin ich jetzt eigentlich in Dinslaken, oder in Oberhausen oder ist das schon Bottrop? Bevor man denkt: Egal, Hauptsache Ruhrgebiet. Und deswegen blickt man, wenn man die jetzt zu Fahrradwegen umgebauten Trassen der alten Industriebahnen entlangfährt auf Gartenanlagen, die man von der Strasse aus nicht sehen kann, und auf Brachflächen und begrünte Bahndämme, die früher zur Verbotenen Stadt des Königreichs Montan gehörten und denkt: Lokführer auf der Zechenbahn muss eigentlich ein ganz schöner Beruf gewesen sein. Eine Streckenführung einerseits zwar auch durch die industriellen Verwüstungen der Landschaft, in der das Unterste zuoberst gekehrt wurde. Andrerseits aber auch immer wieder grüne Bahndämme, Brachflächen, Wiesen und Pionierwaldflächen und auf der Rückseite von Häuserreihen die Gärten, zwar noch ohne Hollywoodschaukeln, aber mit Kappes, Kürbis und Tomaten und einer Bank dann doch irgendwo dazwischen.

Nun gibt es ja diese Menschen mit den schwarzen Brillen, von denen, wie man hört, manche aus Fensterglas bestehen und die irgendwas mit Medien machen und finden, das Ruhrgebiet sei nicht das kulturwirtschaftlich-künstlerisch angesagte Lifestyle-Biotop, weil kulturelle Eventqualität irgendwie mit urbaner Verdichtung und einem chronisch rotierenden Vollsortiment von rasend aufregenden Tanzdielen, die sich heute Clubs nennen, zu tun hat – oder so ähnlich. Diese Leute, die sich selbst als Kreative Klasse bezeichnen, aber oft genug als Generation Praktikum enden, weil sie bei ihrer Dauerperformance als postmodern individualisierte Projekthopper bisher noch nicht mal einen Betriebsrat auf die Reihe bekommen haben, seien auf ihrem Weg zum ultimativen Hype all unserer Segenswünsche gewiss. Auch wenn mancher wohl noch feststellen wird, dass ein Esel auch in Paris kein Pferd wird.

Wir anderen leben bis dahin – angesagt oder nicht – in diesem polyzentrischen, unübersichtlichen Multiversum des Ruhrreviers und nutzen als Spaziergänger, Jogger, Fahrradfahrer, Picknickveranstalter, Landwirte, Fußballspieler oder was auch immer die räumlichen Möglichkeiten dieses montanindustriellen Leopardenfells. Und für mich als Schäfer bedeutet dieses 5-Millionen-Menschen-Patchwork Ruhrgebiet, dass ich in einem der größten Ballungsräume Europas mit dem grössten Stahlstandort und dem größten Binnenhafen des Kontinents und einem Autobahnnetz, das seinesgleichen sucht, Weideflächen für meine Schafherde finden kann für Sommerweide und Winterweide, – vor alten und neuen Industriekulissen, auf landwirtschaftlichen Flächen und auf Brachen der neu entstehenden Industrienatur, an Kanalböschungen und auf ungenutzten Gewerbeflächen. Weidende Herde bei Abendsonne vor Hochofenkulisse oder Containerterminal. Was hätte Caspar David Friedrich wohl dazu gesagt?

Mit frühlingshaften Grüßen!

Florian Preis

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Aktualisiert: 05.12.2016 22:39:54