Hirtenbrief #7

Der Redakteur der hat es schwör - Wolle - Bienenpatenschaft und Honig-Flatrate

Liebe Freundinnen und Freunde der Ruhrschäferei!

Stalleröffnungs- und Patenfest

Endlich, nachdem zunächst die Schafe da waren, aber noch kein Stall, dann der Stall, aber die Schafe nicht mehr und nach zwischenzeitlichen Land - unter - Meldungen auf der Fläche in Holten war es am 31 Mai endlich so weit: Aktionäre, Paten/ Patinnen und friends waren eingeladen zum Stalleröffnungsfest. Um es kurz zu machen: Es war ein wunderschönes Fest bei wunderschönem Wetter mit vielen netten Leuten, die sich viel zu erzählen hatten bei Kaffee, Kuchen und einer gelassen zuschauenden Schafherde, die von der Winterweide zurück war. Am Abend war klar: das müssen und werden wir wiederholen.

Der Redakteur, der hat es schwör

Hin und her wogt seit ihren Anfängen das Ringen zwischen den Lesern der Hirtenbriefe: Sind sie zu lang? Sollen sie noch länger werden? Soll es Unterbrechungen durch Werbeblocks geben? Kann das menschliche Gehirn mehr als 140 Zeichen hintereinander überhaupt sinnbildend erfassen? Warum erscheinen sie nicht öfter? Können längere Texte beim Leser problematische Übersprunghandlungen auslösen ? Wird die Facebook-Generation in ausweglose Reizüberflutung getrieben? Könnte es gar zu Versuchen der Reduktion von Komplexität durch Gewalt kommen?

Wir wissen es nicht. Deswegen versucht der Autor -sein Haupt nachdenklich mal dieser, mal jener Partei zuwendend und vom Widerstreit der Zurufe hin - und hergerissen - sich dieses Mal etwas kürzer zu fassen. Auch wenn manche, die ihn kennen sagen: Das kann der gar nicht.

Wolle

Beim Stalleröffnungsfest gab es eine Premiere: Der Beginn der Schafschur - zum ersten Mal in der Ruhrschäferei. Einmal im Jahr, vor dem Sommer, müssen die Schafe geschoren werden. Seit den Urzeiten der Menschheit, seitdem den Schafen ein wolliges Fell angezüchtet wurde ist das so. Alte Geschichten wie der Mythos vom Goldenen Vlies hängen damit zusammen: Vom goldenen Widder Chrysomeles, der fliegen und sprechen konnte und dessen Vlies später von Jason und den Argonauten geraubt wurde. Paulus hat allerdings zur Zeit wenig Ähnlichkeit mit seinem mythischen Vorgänger. Fliegen und sprechen konnte er - soweit wir wissen - bisher ohnehin noch nicht und zur Zeit hat er nicht einmal ein Vlies, weil er gerade von Florian geschoren wurde. Das hat er ihm, wie es scheint, persönlich übelgenommen. Ganz entgegen seinen bisherigen Gepflogenheiten ist er zur Zeit sozusagen lammfromm und geht ihm aus dem Weg. Möglicherweise wartet er wie Samson im Alten Testament darauf, dass seine Haare wieder lang werden. Dann wird Florian allerdings auf sich aufpassen müssen. Und erst recht auf den Stall.

Da das Fell der Jungtiere noch nicht lang genug ist, blieben 60 Tiere die von Florian zu scheren waren: in jener bandscheibenunfreundlichen Haltung, die man aus dem Fernsehen von den neuseeländischen oder osteuropäischen Profischerern kennt, die in sagenhaften zweieinhalb Minuten dem Schaf das komplette Vlies vor die Füsse legen und bei denen einem schon vom Zusehen im Fernsehsessel das Kreuz wehtut. Florian war noch nicht ganz so schnell, aber nach ein paar Tagen war die ganze Herde nicht wiederzuerkennen und ihre Wolle in Big Packs gestapelt.

Bei den Schäfern gilt seit Jahren die knauserige Regel, dass sie mit dem Erlös der Wolle den Schertrupp und ein knappes Frühstück bezahlen können. Mit einem Mittagessen würden sie bereits draufzahlen. Im Auf und Ab der langen Wellen der Preisentwicklung sind die Preise für Wolle - einst als kostbares Gut gehandelt - seit längerem am Boden.

Das war nicht immer so. Dass der Markt hinter dem Rücken der Produzenten eine höhere Form von Rationalität herstellt glaubten viele Ökonomen in Vergangenheit und Gegenwart. Dass seine Kapriolen oft genug auch verheerende Folgen hatten, zeigt die Betrachtung der Wollpreise. “ Die Schafe, einst so sanft und genügsam, sind wild und raubgierig geworden, dass sie sogar Menschen fressen, Felder, Gehöfte und Dörfer verwüsten und entvölkern.“ schrieb Thomas Morus, Lordkanzler Heinrichs des Vlll. im 16. Jahrhundert, als in England die Pächter vom Hof gejagt wurden und aus Ackerland Weideland wurde, weil Wolle mehr einbrachte als Korn. Die Höfe verfielen und die verlassenen Kirchen dienten als Schafstall.

Die dramatische Geschichte vom Aufstieg der Wolle zum zeitweise wichtigsten Wirtschaftsfaktor, den Schwankungen des Wollpreises über die Jahrhunderte und dem gegenwärtigen Niedergang auf dem Weltmarkt der letzten Jahre ist noch nicht erzählt. Den deutschen Fernsehzuschauern ist das Thema Wollproduktion vermutlich allenfalls im Kontext von Ralph de Bricassart und den Dornenvögeln begegnet. Da geht noch mehr.

Seit einigen Jahren gibt es nun als Kollateralschaden des Klimawandels -wegen wiederholter Vernichtung der Baumwollernte durch Überschwemmungen in Pakistan und durch verheerende Dürre bedingte große Verluste bei den Schafherden in Australien - in Verbindung mit der steigenden Nachfrage aus Asien wieder einen leichten Preisanstieg. Ausgang offen.

Zur ungeschriebenen Geschichte der Wolle gehört die von den Schafen, die aus englischen Bauern eine in den Städten verfolgte Armutsbevölkerung machte. Die bei schlichten Gemütern aller Gesellschaftsschichten auch heute noch virulente Vorstellung, man könne das Problem der Armut dadurch lösen, dass man die Armen einfach zwingt, in die nicht mehr vorhandenen Verhältnisse zurückzukehren, aus denen sie herausgefallen sind, war auch im London von 1550 schon populär. Dass man ihnen bei Nichtbefolgung dieser Anordnung nicht mehr die Ohren abschneidet, sofern man sie nicht gleich aufhängte, hat sich immerhin geändert und darf als echter zivilisatorischer Zugewinn betrachtet werden.

Zu dieser Geschichte der Wolle gehört aber auch die von den Merinoschafen in Spanien. Sie beginnt lange vor Beginn der Neuzeit im 8. Jahrhundert im sagenhaften Al Andalus, dem maurisch besetzten Teil Spaniens. Von den Mauren, die ihrerseits die Merinos aus Nordafrika von den Berbern mitgebracht hatten, hatten die Spanier dieses fabelhafte Schaf mit der besonders feinen Wolle übernommen. Man kann daran sehen, dass schon damals nicht Abschottung, sondern interkultureller Austausch die weiterführende Strategie war, obwohl die Spanier dann unfairerweise ihrerseits die Ausfuhr der Merinos bei Todesstrafe verboten. Die Qualität der Wollproduktion war von allergrößter Bedeutung. Die Mesta mit ihrem Ehrenwerten Rat und einer eigenen Gerichtsbarkeit war die mächtige Organisation der feudalen Schafzüchter, die u.a. die über hunderte von Kilometern führende Tranzhumanz zwischen Winter - und Sommerweiden organisierte und ermöglichte, dass Schäfer bei Bedarf jederzeit über landwirtschaftliche Flächen ziehen konnten. Eine weitere Variante des biblischen Konflikts zwischen Kain dem Ackerbauern und Abel, dem Hirten, wobei in dieser Epoche die Ackerbauern den kürzeren zogen. Erst als die Mesta durch zunehmende Proteste und bewaffneten Aufruhr um 1750 an Einfluss verlor, endete auch das Ausfuhrverbot.

Im Jahre 1783 machten sich dann aus Württemberg zwei herzogliche Kanzleibeamte und zwei Schäfer auf den Weg nach Spanien um Merinos nach Deutschland zu bringen. Sie hatten die Direktive erhalten, nur Tiere aus wandernden Beständen zu kaufen, die es gewohnt waren, die langen Strecken zwischen Winter - und Sommerweide zu wandern um Schafe zu erhalten, die mit den Bedingungen auf der Schwäbischen Alb zurechtkamen. 2000 Kilometer weit zog die eingekaufte Herde mit den Schäfern bis nach Württemberg. Dort wurde sie sehr erfolgreich mit heimischen Landrassen gekreuzt, um sie widerstandsfähiger zu machen.

Deswegen an dieser Stelle: Schluss mit dem modischen Beamtenbashing und stattdessen Ruhm und Dank den württembergischen Kanzleibeamten und ihren Schäfern. Weil sie den wahrlich respekteinflößenden Fußweg durch Südfrankreich und über die Alpen nicht gescheut haben, hat die Ruhrschäferei heute Merino - Landschafe.

Tempora mutantur? Seit Jahrzehnten hat die Outdoor - Szene über die einschlägigen Werbeagenturen den Eindruck vermittelt, dass die unabdingbare Voraussetzung besonders naturnaher Lebensweisen, Sportarten und Freizeitaktivitäten im Kauf überteuerter Plastikklamotten besteht. Wollpullover, Lodenmäntel oder Filzhüte seien dagegen hoffnungslos überholte Relikte vormodern - hinterwäldlerischer Randexistenzen, die nur noch nicht begriffen hätten, was die angesagten must - haves beim down - hill und apres - ski sind.

Umso erstaunter ist der Beobachter, dass neuerdings in Outdoor - Modekatalogen Seiten auftauchen, in denen auf die unübertroffenen Vorzüge von Wolle hingewiesen und Hemden oder Mützen aus diesem unvergleichbaren Material angepriesen werden. Und dem einen oder anderen fällt neuerdings auf, dass zwar der Outdoor - Allerweltsstoff Fleece komplett aus ordinärer Plastik besteht, sein Name aber offenbar suggerieren soll, er habe etwas vom Vlies der Schafe an sich. Eine Verkaufsstrategie, die man ehedem Rosstäuscherei nannte. Ja hätte man das doch nur schon früher gewusst !

Honig

Seit einiger Zeit gibt es neben dem Stall neue Nachbarn, die ein unermüdliches Gesumme und Gebrumme veranstalten. Sebastian, der auch schon eine Zeit lang als Schäfer gearbeitet hat, hat am Rand des Stallgeländes neun Bienenstöcke aufgebaut, bei denen seitdem ein nimmermüdes Treiben herrscht - gelegentlich gesteigert zu Phasen eindrucksvoller Hyperaktivität. Gleich am ersten Morgen meldete Till, er würde sich nicht zwischen Stall und Bienenstöcken hindurch zum Wassertank trauen. Dies wiederum verwunderte seinen Vater sehr, der Till bisher nicht als ängstlichen Menschen kennengelernt hatte, der sich von ein paar wuselnden Fluginsekten den Weg verstellen lässt. Es stellte sich dann heraus, dass hier nicht ein paar Bienen im Alltagsmodus herumsurrten, sondern dass ein ganzes Volk schwärmte und im Aufbruch zu neuen Ufern mit der Lautstärke eines LKW - Motors vor dem Bienenstock randalierte. Eine Stunde später war der ganze Schwarm in den Wipfel einer in der Nähe stehenden Birke umgezogen und Sebastian musste die Ausreißer wieder einsammeln, bevor sie zu neuen Unterkünften aufgebrochen waren.

WOLLE, MILCH und HONIG - ein kostbarer Dreiklang für die Menschen schon seit alttestamentarischen Zeiten. Die Milch allerdings bekommen in der Ruhrschäferei die Lämmer.

Ruhrschäfer and Friends

In diesem Hirtenbrief soll ein Geheimnis der Ruhrschäferei verraten werden, das manche dunkel geahnt, andere schon vermutet und einige schon zu fragen gewagt hatten:

Florian ist der Ruhrschäfer. Das wusstet ihr schon. Er ist an sieben Tagen in der Woche für die Schafe zuständig. Für ihn heißt es: egal ob Fußballspiel oder Weihnachtsfeier - die Schafe zuerst. Von frühmorgens bis spätabends. Und wenn von spätabends bis frühmorgens etwas ist - auch. Er holt die Schafe morgens aus dem Nachtpferch, versorgt die Tiere im Stall, transportiert Wasser zur Herde und wenn der Sammeltank für Regenwasser leer ist auch zum Stall und repariert Horden, die von randalierenden Schafen demoliert worden sind. Eine Horde ist hier nicht eine umherziehende Bande von in früheren Zeiten für Schäfer sehr problematischen mongolisch - tartarischen Reiterstämmen, sondern eine transportable Absperrung, mit der Schafe eingepfercht werden können. Schafe können trotz ihres sanften Gemüts mit Horden, Raufen oder Futtertischen sehr roh und gefühllos umgehen und der Schäfer hat dann die Arbeit.

Er muss außerdem die Schafe regelmässig gegen Wurmbefall und Ektoparasiten behandeln, den Tieren, was ziemlich mühsam ist, die Klauen kurz schneiden, die Weideflächen mit dem Freischneider nachschneiden und zahlreiche Tätigkeiten darüber hinaus erledigen, die häufig genug ungeplant anfallen und den schönen Wochenplan zu Makulatur machen.

Deswegen gibt es in der Ruhrschäferei zur Flankierung von Florians Schäferarbeit und damit er im Alltagsbetrieb halbwegs Rücken und Hände frei hat für die Herde eine Art Back - Stage - Team. Das sind bei den Rolling Stones die Leute, die hinter der Bühne die Lautsprecher regeln, die Scheinwerfer an - und ausmachen, den Kaffee für die Groupies kochen und dafür sorgen, dass im nächsten Spielort die Plakate hängen.

So etwas ähnliches gibt es bei der Ruhrschäferei auch. Ad personam besteht dieses Team aus:

Florians Bruder TILL, der neben den Funktionen halsbrecherischer Stalldachdecker und allgemeine Hilfsschäferaufgaben vor allem als Berater für den kaufmännischen Bereich zuständig ist. Er achtet quasi als ökonomischer Hütehund mit darauf, dass der junge Betrieb möglichst unbeschadet das Minenfeld durchquert, das die wirtschaftliche, juristische und fördertechnische Landschaft für frohgemute Start-Up-Unternehmen bereithält.

Seine Schwägerin TINA, die mit der altdeutschen Tigerhündin Zora regelmäßig bei Stall und Herde nach dem Rechten sieht, Fotos macht, entlaufene Schafe wieder einfängt und kränkelnden Lämmchen die Flasche gibt.

Seiner Mutter HILDE, die neben ihren großmütterlichen Aufgaben und ihren verbliebenen beruflichen Aktivitäten neuerdings Büroleiterin und Chefsekretärin ist und sich seit kurzem auch verstärkt um die Kommunikation mit den Paten kümmert, die im Alltagsgewusel manchmal - sagen wir - noch verbesserungsfähig war.

Seinem Onkel GREGOR, der regelmäßig mit seiner BMW - Enduro auch über widriges Gelände zum Stall geritten kommt und bei Regen und Sonne beim Bau von Raufen, Zäunen und Aufbauten oder beim Verladen von Schafen mithilft.

Seinem Vater MICHAEL, der als Ghostwriter mit zu langen Sätzen und schlechten Scherzen vom Fortgang der Schäferei und der Einmaligkeit des Ruhrgebiets berichtet.

Und last not least HEIKO BUGAJ, der das Logo der Ruhrschäferei - das Schaf unterm Zechenturm - erfunden hat, die noch vorläufige Website bearbeitet, aufpasst, dass die Texte nicht in den Abgründen des Internets verschwinden und so dafür sorgt, dass viele Menschen von der Ruhrschäferei erfahren können.

Außerdem gibt es darüberhinaus noch für dieses und jenes sowie für fallweise Unterstützung bei Bedarf einen ebenso formlosen wie kunterbunten Kreis netter Menschen, die gemeinsam eine Fundgrube und Schatztruhe von Wissen, Können und Hilfsmitteln bilden.

Die Schafe haben natürlich von all dem keine Ahnung und wollen einfach nur möglichst üppiges Futter haben. Aber ihr könnt euch jetzt besser vorstellen, dass natürlich wie eh und je Florian egal ob Sommertag oder Nebelnacht mit seinen Hunden allein am Pferch oder in der ergrünten Ruhrgebietslandschaft steht und dass er es ist, der die Herde vorbei an allen kleineren und größeren Fährnissen führt und sie bei Dauerregen, Sommerhitze und Schneetreiben wachsen und gedeihen lässt. Aber dass es ein paar hilfreiche Geister und - was sagt der gendersensible Zeitgenosse - Geistinnen? gibt, die zu Hause am warmen oder schattigen Ofen dem Schäfer bei der Lichtung des Bürodschungels und dieser oder jener Zusatztätigkeit zur Hand gehen. Und da virtueller Flankenschutz nicht reicht : auch mal mit dem Hänger zur Herde kommen, damit ein neugeborenes Lamm samt Mutter zum Stall gebracht werden können, was online bis heute nicht funktioniert. Denn auch hier gilt: Entscheidend is aufm Platz. Und der ist bei der Herde. Die weiterhin entschieden nicht digital ist.

Zum Schluss: Schock. Er hat es schon wieder getan

Trotz bester Absichten, plötzlich und unerwartet hat der Redakteur das Malheur: Der Text ist - sagen wir - lang. Geschieht es hinter seinem Rücken? Hört er Stimmen? Ist der Autor bescheuert? Hat er keinen Twitter Account? Ist sein SMS kaputt? Sollte er mehr Emoticons senden? Wer weiss. Nächstes Mal mehr.

Schon ist die Hälfte des Jahres vorbei. Einen schönen Sommer für euch alle wünscht

Florian und das Team der Ruhrschäferei

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Aktualisiert: 05.12.2016 17:56:17