Hirtenbrief #8

Liebe Freundinnen und Freunde der Ruhrschäferei!

Wie alles anfing

Zum zweiten Mal, seit die Ruhrschäferei auf der Waldteichfläche in Holten steht, fallen die Blätter der Birken. Manche deswegen, weil die Schafe ihnen auftragsgemäß ans Geäst gegangen sind, aber die meisten, weil es Winter wird. Bisher eher ein verlängerter Spätherbst-Winter, aber unzweifelhaft ist ein Jahr vergangen. Und mehr als ein Jahr, seit die ersten Wurzelstöcke für den Stallbau gerodet wurden. Und was für ein Jahr! Mit soviel Veränderungen, Neuigkeiten, Arbeit und Erfahrungen, dass wir glatt vergessen haben, das einjährige Bestehen der Ruhrschäferei ordnungsgemäß zu feiern.

Im September 2013 wurden am abendlichen Küchentisch die ersten Skizzen zum Schafstall entworfen. Mit ahnungsloser, wenngleich unbeirrbarer Begeisterung zu Papier gebracht, aber noch von wenig bautechnischer Sachkenntnis getrübt, haben sie zwar mit dem heutigen Stall eine eher entfernte Ähnlichkeit, zeugen aber davon, dass große Ideen auch dann nicht aufzuhalten sind, wenn sie zwischendurch Umwegen folgen müssen. Manches große Werk in der Geschichte ist bekanntlich nur deswegen zustande gekommen, weil die nichtsahnenden Akteure nicht begriffen hatten, dass es unmöglich war.

Und eine wirkliche Ahnung davon, wie viel Arbeit da auf uns zukam, hatten wir zum Glück auch nicht. Das ging den Erbauern des Kölner Doms aber auch nicht anders. Damit wollen wir nicht behaupten, am Waldteich sei eine Kathedrale der Schafstallarchitektur entstanden, zumal der Kölner Dom deutlich größer ist. Dafür hat er allerdings bis zur Fertigstellung statt arbeitsintensiver 6 Monate auch 600 Jahre gebraucht.

Nachdem einige Bauexperten mit dem Ausruf „Oh, ihr unschuldigen Kinder!“ das Weite gesucht hatten, gab uns ein befreundeter Architekt (Danke, Martin!) pragmatisch-weiterführende Hinweise. Noch im September haben wir die ersten Ständerbalken am Boden liegend – die Balken am Boden, nicht wir – mit Stahlwinkeln verbunden. Dass die sturmumtoste Aufrichtung und Stabilisierung dieser Holzkonstruktionen ohne Baukran durch tollkühne Männer und Frauen eine Sternstunde experimenteller paläoarchitektonischer Bauweise war, wurde bereits beschrieben. Anfang Januar war die äußere Hülle unter im europäischen Schafstallbau erstmaliger Verwendung ostasiatischer Bambuselemente abgeschlossen. Es folgte, nachdem in der Erdgeschosswohnung schon Schafe eingezogen waren, der Innenausbau mit einer zweiten Etage für Betriebskantine und Heuboden. Nachdem zunächst ein milder und langer Herbst den Bau begünstigt hatte, folgte danach eine Zeit lausiger Wintertemperaturen. Eine Stillegung der Baustelle wegen roter Ohren stand gleichwohl zu keinem Zeitpunkt zur Debatte, zumal auch – wie bei echten Ponieren üblich – Schlechtwettergeld nicht zu erwarten war.

Was es sonst noch gab in diesem Jahr? Viel mehr, als man berichten kann. Die Befürchtungen, wie wir in einem möglicherweise langen Winter die Herde ernähren sollten, die sich aber als völlig überflüssig erwiesen, weil der Ruhrschäferei mehr als genügend Winterweiden von Bauern der Umgebung angeboten wurden. Seit Jahresmitte neue Beweidungsflächen auf der Sterkrader Heide, wo die Herde aber wegen zahlreicher spazierenlaufender Hunde ganztägig gehütet werden muss. Erfahrungen mit der Landschaftspflege, die viel mehr und andere Arbeit erfordert, als nur die Beweidung der Fläche durch die Schafe.

Viele ausgesprochen nette Menschen, die wir als Paten der Ruhrschäferei kennengelernt haben und mit denen wir ein schönes Stalleröffnungsfest gefeiert haben. Ein eindrucksvoller Gottesdienst der evangelischen Kirche in Holten am Schafstall. Schulklassen, die sich eine Schäferei ansehen wollten und feststellten, dass Holzhacken echt anstrengend ist. Eine ganze Reihe neuer Lämmer, die eine insgesamt noch sehr junge Herde ergänzten. Zehn Bienenvölker, die das Stallgelände und das Magerrasenbiotop umsummen und Honig sammeln, soviel sie tragen können. Und immer wieder soviel zu tun, dass die Beschickung der Facebookseite zwischendurch sträflich vernachlässigt wurde. Wir bitten – nostra culpa – wenn nicht um Vergebung, dann um Nachsicht. Außerdem natürlich einige Fehler, die man leicht hätte vermeiden können, wenn man vorher schon so schlau gewesen wäre wie hinterher. Summa summarum ein gutes, übervolles Jahr, in dem der Aufbau der Ruhrschäferei ein grosses Stück weitergekommen ist. Danke den vielen, die dabei auf die eine oder andere Weise geholfen haben!

Die Pest in Holten

Seit dem Frühjahr gab es auf der Fläche am Stall Schwärme mit Dutzenden von Krähen. Ein schwarzes Geflatter von Vögeln, die von den Schäfern argwöhnisch beobachtet werden, weil sie im Verdacht stehen, sich auch an Lämmern zu vergreifen.

Entgegen einer EU-Richtlinie, die Rabenvögel unter Schutz stellt, werden auf Betreiben der nicht nur gut betuchten, sondern auch gut vernetzten Jagdlobby in Deutschland jährlich Hunderttausende der Tiere abgeschossen – in einer rechtlichen Grauzone mit zweifelhaften Landesverordnungen im Rücken oder einfach illegal. Inzwischen ist zwar reichlich belegt, dass die Behauptung, die Krähen sein verantwortlich für den Rückgang von Singvögeln und Niederwild, interessierter Unsinn ist. Diese Entwicklung beruht in Wirklichkeit auf der Zerstörung von Lebensräumen, die man nicht ernsthaft den Rabenvögeln anhängen kann. Der massenhafte Abschuss reduziert im übrigen kaum die Anzahl der Vögel, weil in einem selbstregulierenden Mechanismus immer nur ein Teil der Jahreskohorte brütet, der mit seinem Partner ein Revier gefunden hat. Werden diese Tiere abgeschossen, rücken andere aus dem Junggesellenkontingent nach. Die unterstellte Zunahme der Population ist ein, sofern es sich dabei nicht nur um unverarbeitete Spätschäden durch den Besuch von Hitchcocks Film „Die Vögel“ handelt, durch keine methodisch belastbaren Belege gestütztes Bauchgefühl und bezieht sich allenfalls auf durch Veränderung der Habitate – insbesondere das Ausräumen der Landschaft – bedingte Verschiebungen vom Land in die Städte.

Ein Teil der Jägerschaft ist jedoch ökologischen Argumentationen gegenüber mental und intellektuell unempfindlich und bewegt sich durchs Gelände als Triebtäter im Lodenmantel, der was zu ballern braucht. Neuester Zeitvertreib ist das sogenannte Crowbustering, ein Mordspaß, bei dem militärisch camouflierte und ausgerüstete Jagdkameraden in Wochenendtreibjagden Hunderte von Krähen vom Himmel kartätschen und bei dem kurzweiligen Massaker streng geschützte Vögel gleich mit erledigen. Auch konservative Jäger finden das inzwischen widerlich.

Ayla war unermüdlich bei dem Versuch, eines dieser dunklen Flattertiere zu fangen und startete wie ein schwarzer Blitz immer wieder durch, um mit Höchstgeschwindigkeit doch noch einen Vogel zu erwischen. Jedesmal ohne Erfolg. Schließlich schien sie den Plan zu ändern und nur noch loszurennen, um den Schwarm hochzujagen. Was ja auch ganz lustig war.

Statt mit einer Krähe kam sie dann mehrfach mit einem toten Kaninchen zurück. Davon, sahen wir dann, lagen einige auf der Fläche.

Im Sommer lag morgens ein Schaf tot im Pferch. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass sich Fliegenmaden auf der Haut bewegten. Diese Maden fanden wir dann auch bei weiteren, noch lebenden Schafen. Verursacher sind grün-blau schillernde Goldfliegen, die ihre Eier auf der Haut ablegen. Die Maden dringen in die Haut ein und entwickeln sich dort. Die dabei entstehen den toxischen Stoffwechselprodukte können ein Schaf binnen 24 Stunden töten. Prophylaxe ist schwierig; die Behandlung muss sofort mit rabiater Beseitigung der Maden in den befallenen Hautschichten erfolgen. Eine ekelhafte Teufelei der Natur, deren Wirkmechanismus noch nicht in allen Teilen bekannt ist.

Manche Schäfer sagen: „Es liegt an der Fläche“. Wir haben deswegen, als wir nach einigen Tagen achtzehn befallene Tiere hatten, mit der Herde das Weidegebiet am Stall quasi fluchtartig verlassen, die befallenen Schafe behandelt und die Tiere auf die Obstwiesen in Rheinhausen gebracht. Dort war der Spuk schlagartig vorbei.

Aber die Aussage: „Es liegt an der Fläche“ beschreibt nur eine Gleichzeitigkeit, keine Ursache.

Einige Zeit später meldete die Presse, dass es u.a. in einigen Bereichen am Niederrhein zu einem ungewöhnlich massiven Auftreten der Kaninchenpest genannten Myxamotose gekommen sei. Uns scheint deswegen in diesem Fall die plausibelste Erklärung für den lautlosen Angriff auf die Schafe, dass die zahlreichen toten Kaninchen auf der Holtener Fläche ein üppiges Nahrungsangebot für die verfluchten Goldfliegen und ihre Maden waren. Der Krähenschwarm war insofern ein Verbündeter gegen einen damals von uns noch nicht erkannten Feind, weil er die Kadaver der toten Kaninchen reduzierte. Ohne die Krähen wäre die Goldfliegenplage ein noch größeres Problem geworden.

Camille Paglia, die Lieblingsfeministin von Michael, von dem die anderen behaupten, dass er zu abseitigen philosophischen Rundumflügen neigt, bei denen man strubbelig im Kopf wird, sagt: Natur ist nicht nett. Die Schönheit der Natur ist eine Illusion, die nicht von allen Kulturen geteilt wird. Das Tabu des Westens ist nicht Sexualität, sondern die brutale Gleichgültigkeit der Natur. Die buddhistischen Religionen des Ostens haben um ihre Erbarmungslosigkeit, die mit einem Schulterzucken Zehntausende von Menschenleben durch ein Erdbeben, eine Überschwemmung, eine Missernte oder eine Seuche hinwegfegt, immer gewusst und Erlösung, inneren Frieden und Harmonie darin gesucht, das Unabänderliche hinzunehmen und sich dem Lauf der Dinge zu fügen. Der Westen flüchtet sich in die Illusion einer Zivilisation, die nur eine dünne Tünche über der mahlenden Gewalt der Elemente ist, eine Nussschale auf dem Ozean der vulkanischen und atmosphärischen Katastrophen. Ohne diese Illusion würde die westliche Kultur zurückfallen in Verzweiflung und Irrsinn. Das Verdienst des Westens besteht darin, dass er die Brutalität dieses höllischen Pandämoniums nie akzeptiert hat und nicht aufgehört hat, sich mit allen Mitteln dagegen aufzulehnen. Gegen den Allerteufelstag der Natur ist jeder Widerstand erlaubt.

Nie war sie so wertvoll wie heute: Vom Kollateralnutzen der Wanderschäferei und warum er heute noch größer ist als ehedem. Oder: Was ist das Tertium Comparationis zwischen vormoderner Schaftrift und postmontanen Wegenetzen?

Selbst Günther Jauch, der nach einer Umfrage von Goldenes Echo der Frau der klügste lebende Deutsche ist, hätte es nicht gewusst. Nicht einmal, wenn er die Sendung mit der Maus als Joker hätte. Also: Das berühmte, früher unter königlichem Schutz stehende und über Hunderte von Kilometern führende Netz der traditionellen spanischen Triftwege, zu denen auch der inzwischen unvermeidliche Jakobsweg gehört, war in den letzten Jahr- hunderten durch Stadtentwicklung, Industrialisierung, moderne Landwirtschaft und Straßenbau weitgehend verfallen. Im Jahre 1995 wurde es jedoch erneut unter gesetzlichen Schutz gestellt und seither in Teilen wieder ausgebaut.

Die Gründe dafür sind in erster Linie ökologische: neben der durch die Trassen ermöglichten natürlichen Bewegung der Tierund Pflanzenarten verhindern die Wanderschäfer sowohl mit den Zugwegen, als auch mit den Herden als lebenden Korridoren eine Verinselung einzelner Biotope. Diese Verinselung, sagen die Biologen, ist inzwischen die häufigste Ursache für Artenschwund in Europa. Die Schafe transportieren mit ihrer Wolle und gefressenen und wieder ausgeschiedenen Früchten die Samen aller möglichen Pflanzen und verteilen sie sowie im Fell sitzende wirbellose Tiere im Land. In Zeiten, in denen durch industrielle und agrarindustrielle Nutzung aus zusammenhängenden Landschaften ein löchriger Flickenteppich aus Rest- und Einzelbiotopen wird, sind die wandernden Herden ein zunehmend wertvoller werdendes Verbindungselement gegen die Isolation der Habitate.

Im vorindustriellen Ruhrgebiet hat es ein solches Netz von Triftwegen, soweit überliefert, nie gegeben. Die Notwendigkeit für eine ökologische Verbindung der dann industriell malträtierten und hemmungslos zerstückelten Landschaft war danach umso dringlicher. Zwar gab es als verknüpfende Linien Bahndämme und Flussläufe, aber der überwiegende Rest war ökologisch gesehen ein Trümmerfeld.

Als ungleichzeitiges Paradoxon aber hat das Ende der Montanindustrie, die als Kollateralschaden eine erschütternd ruinierte Natur hinterließ, in des Wortes ursprünglicher Bedeutung den Weg freigemacht für neue Netze im Revier. Es soll an dieser Stelle außerhalb des Protokolls und weil das Politikerbashing ein doch sehr billiger Massensport geworden ist, erwähnt werden, dass das nicht erfolgt wäre ohne die Initiative einiger sowohl kreativer als auch durchsetzungsfähiger Leute an den richtigen Stellen der Entscheidungsebenen. Aus alten Kohle-, Koks- und Stahlwegen entstand neben dem blauen Band der Emscher das grüne Band der sich revitalisierenden Industrienatur. Alte Eisenbahntrassen wurden in ein autofreies Wegesystem integriert, dessen Neugründung in einer Städtemetropole planerisch schier aussichtslos gewesen wäre. Und mit der städteübergreifenden Verbindung einzelner Grünzüge sowie noch vorhandener Naturflächen wurden im Ruhrgebiet zumindest die Grundlinien eines neuen regionalen Biotopverbundes geschaffen.

Für die Schäfer ergaben sich paradoxe Effekte: Die über das Land gehende Walze der Industrialisierung mit ihren umstürzenden infrastrukturellen und landschaftsverändernden Folgeerscheinungen schien für den uralten Beruf der Wanderschäfer nur widrig und einschränkend zu sein. Die scheinbar ultimative Marginalisierung. Aber deren Reich war nicht zum ersten Mal nicht ganz von dieser Welt und schon die Bibel weiss, dass manchmal die letzten die ersten sind. Das wurden die Schäfer nun nicht gerade. Aber die Industrie schuf das Auto und zuletzt das fabelhafte Smartphone, die die romantisch doch stark überhöhte Einsamkeit des Schäferkarrens aufhoben und die Alltagslogistik des Schäfers erheblich erleichterten, auch wenn der Winterwind noch immer kalt ist. Und als die Fabrikgesellschaft am Ende, der Schäfer aber immer noch da war, ließ die Umwandlung der Industrielandschaft im Ruhrgebiet nolens volens auch ihm günstige Wege über viele hundert Kilometer entstehen.

Sympathischer Nebeneffekt: So wie manche Industriebrache im Ruhrgebiet ökologisch wertvoller ist, als ein überdüngtes Maisfeld im Münsterland, sind die autofreien ehemaligen Eisenbahntrassen auch deutlich entspannter, als die nach Abschluss der Flurbereinigung restlos asphaltierten Feldwege zwischen Raesfeld und Warendorf. Die neuen Wege im Ruhrgebiet dienen dem Spazierengehen, dem Joggen und dem Fahrradfahren und erlauben sogar so sinnlose Tätigkeiten wie Nordic Walking oder Rollkofferziehen, für die man ein paar Jahrzehnte früher im Revier noch in der Klapse gelandet wäre. Sie sind in einer ehemals brutal vernutzten Landschaft aus dem einst allgegenwärtigen Nutzungszwang entlassen und keiner Produktionslogik mehr dienstbar. So, wie die gemessen am Nützlichkeitstotalitarismus des Fabriksystems völlig absurden Landmarken Tetraeder, Himmelstreppe, Bramme für das Ruhrgebiet oder Tiger and Turtle, die zu nichts zu gebrauchen sind, als zu ästhetischem Vergnügen und dem kostenlosen Zeitvertreib für Kind und Kegel. Wenn man so will: Eine Aufforderung zum Müßiggang und ein unverhoffter Vorschein des Reichs der Freiheit entstanden aus dem alten Königreich der Industrie.

Die Asphaltwege im Münsterland dienen dagegen in erster Linie den schnöden Zwecken der agroindustriellen Produktionssteigerung, deren vorerst letzte Verirrung die Biogasanlage ist. Meine münsterländer Vorfahren mögen mir verzeihen, aber auch wenn es woanders noch gruseligere agrarische Optimierungswüsten gibt, muss man an zu vielen Stellen auf diesen von lieblichen Maisfeldern gesäumten Transportwegen, deren Ränder von jeder überflüssigen Hecke gereinigt sind, die dem neusten Monstermäher beim Wenden im Weg sein könnte, jederzeit damit rechnen, dass einem ein lokomotivgrosser Gülletransporter entgegenkommt oder ein autobahntauglicher Turbotrecker. Aber auch, dass der hoffnungsvolle, aber fahrerisch unbegabte Nachwuchs für den Führerschein übt, oder der Jungbauer mit dem Benz hackedicht den Weg vom Schützenfest abkürzt. Auf der HOAG-Trasse, die beidseitig begrünt Duisburg und Oberhausen verbindet, bleibt man von solchem Ungemach ganz und gar unbehelligt.

Allerdings ist dafür gesorgt, dass die Idylle im Ruhrgebiet nicht überhand nimmt. Das Monstrum ist nicht tot, es wechselt nur die Erscheinung. Die Versiegelung des Landes geht weiter und neue flächenfressende Begehrlichkeiten sind schon in Stellung gebracht. Der Herr hat`s gegeben, aber wie die Bibel weiß: Wenn man nicht aufpasst, nimmt er`s auch wieder. Obacht also.

Entschleunigung

Seit einigen Wochen zieht nun die Herde der Ruhrschäferei – wenn irgend möglich – mit der ganzen zurzeit 95köpfigen Familie (Schafbock Paulus, Mutterschafe und große sowie kleine Lämmer) unter Nutzung der ruhrgebietstypischen Zwischenräume zu Fuß von Fläche zu Fläche. Florian liebt diese Märsche mit einer Herde, die, nur unterbrochen von Versuchen einzelner Schafe rechts und links ein paar Blätter zu naschen, gelassen folgt. In bebauten Straßenzügen meistens von freundlich blickenden Menschen und aufgeregten Kindern beobachtet. Bisher nur einmal ein Wortgeplänkel mit jemand, der seltsamerweise befürchtet, dass ausgerechnet sein Vorgarten, der die Anmutung einer Grabstätte zu Lebzeiten hat, zu Schaden kommen könnte. Durch ein Ruhrgebiet, für das kleinräumige Hirtenwege im Rahmen lokaler Wanderweidewirtschaft weniger eine Erfahrung als eine Erinnerung sind, die in den letzten Jahren immer mehr verblasst war. Das stattdessen über eine Taktung der Verkehrsampeln verfügt, bei der ziehende Schafe weder in der Rot- noch in der Grünphase vorgesehen sind. Und vorbei an Autofahrern, die Schafherden nur noch aus der Baldrianreklame kennen.

Wir alle hatten von anderen Schäfern Geschichten gehört, von Autofahrern, denen zwar ein leistungsstarker Motor, aber zwischen den Ohren nur eine sehr überschaubare persönliche Festplatte zuteil geworden war. Die wild hupend mit dem Auto an die Herde heran oder in die Herde hineinfuhren, dabei riskierten, Hunde und Schafe zu verletzen und durch ein paar Minuten Rücksicht auf eine Schafherde in einen Zustand hyperventilierender Unzurechnungsfähigkeit versetzt wurden.

Entsprechend gespannt waren wir beim ersten Marsch, bei dem eine vielbefahrene Straße gequert werden musste und wir mit Stock, Hut und Hunden zügig, aber eindeutig Spur und Gegenspur sperrten. Prompt kam bei der insgesamt etwa dreiminütigen Sperrung aus der dritten Reihe der empörte Schrei: Ich habe einen Termin!

Unwillkürlich stellt man sich daraufhin besorgt vor, wie der Mann auf der A 40 zwischen City-Tunnel und Essen-Kray im Stau steht und aus dem Seitenfenster brüllt: Ich hab einen Termin! Alle Autofahrer blicken sich betroffen an: Er hat einen Termin! Was machen wir jetzt? Hat jemand Tee für ihn?

Die Schafe ihrerseits zeigten sich unbeeindruckt. Gleichmütig zogen sie ihres Weges zur anderen Straßenseite und verschwanden auf dem Weg entlang der Emscher.

Alle reden von Entschleunigung. Wir machen sie – wenigstens manchmal. Im übrigen sind wir von der Schafherdentoleranz der Autofahrer im Ruhrgebiet bisher positiv überrascht und wollen sie an dieser Stelle für ihre Rücksicht loben. Möge es so bleiben.

Schwer erziehbar

Immer wieder kommt es vor, dass es in der Herde sogenannte Springer gibt. Das sind Schafe, die aus dem schönen Pferch, den der Schäfer gerade gebaut hat aus dem Stand in einer eleganten Bewegung herausspringen und sich jenseits des Zauns umsehen. Oft motiviert das den Rest der Herde irgendwie drüber und drunter zu folgen und das Ergebnis ist ein hanebüchendes Desaster, das so überhaupt nicht geplant war und dem Schäfer die schöne Tagesplanung ruiniert. Die Schäfer reagieren darauf in der Regel relativ humorlos, finden das nicht lustig und lassen das Schaf, wenn sich das als gewohnheitsmäßige Unbotmäßigkeit herausstellt, kurzerhand schlachten. Michael, dessen Großvater zwar einige Kühe hatte, bei denen es auch Springer gab und von denen eine sogar die Getreidesäcke zur Mühle tragen konnte, der aber nach Meinung von Florian vom alltagspraktischen Hüten einer Herde soviel Ahnung hat, wie die Kuh vom Sonntag, behauptet, diese herzlose Problemliquidierung sei ein Fehler.

Die Schäfer würden damit die vitalsten Tiere aus der Zucht nehmen und ein Merino-Landschaf müsse als Wanderschaf auch mal über einen Graben springen können ohne sich die Haxen zu brechen oder bei jedem Loch wie ein Käfer auf den Rücken zu fallen.

Es stellte sich dann heraus, dass auch die Herde der Ruhrschäferei mit einem solchen Schaf beglückt war. Die latente Problematik dieses dynamischen Springteufels war seit längerem bekannt, eskalierte aber an einem diesigen Novembertag. Nachdem eines Morgens am Emscherdeich – also in einem durch die gerade Hochwasser führende Emscher nicht ungefährlichen Umfeld – dieses sich offenbar gerade im Zustand manischer Höhenflüge befindliche Schaf zum dritten Mal hintereinander über das Netz gesprungen war, daraufhin die Herde zum dritten mal den Zaun niedergemacht hatte und Florian als alleine diensthabender Schäfer zum dritten Mal die Herde wieder einsammeln konnte und dabei höllisch aufpassen musste, dass kein Schaf in die Emscher fiel – die Emschergenossenschaft schreibt aus gutem Grund für Arbeiten am Ufer das Tragen von Schwimmwesten vor – hatte Florian sowohl den Kaffee, als auch sämtliche Frühstücksbrötchen auf. Die Wiederholungstäterin wurde von ihm umgehend eingefangen und in den Transporthänger verbracht. Die finstere Absicht seinerseits war dabei, dieses übergeschnappte Schaf zu Salami zu verarbeiten. In dieser Situation trat LINDA als rettender Engel auf den Plan. Linda – angehende Tiermedizinerin, Ex-Praktikantin in der Ruhrschäferei, deren Tatkraft nicht hoch genug gerühmt werden kann und Mitarbeiterin auf dem Bauspielplatz Neumühl – schlug vor, dieses missratene Schaf zusammen mit einem Bocklamm als Begleitung den Eseln und Ponys im Streichelzoo des Bauspielplatzes zuzugesellen.

Dieser Vorschlag war von unwiderstehlichen Charme: Ein verhaltensauffälliges Schaf wird modellhaft in einer sozialpädagogischen Einrichtung untergebracht, zur Freude der Kinder und unter der Beobachtung von Fachkräften, die gelernt haben, mit abweichendem Verhalten umzugehen.

So geschah es. Wie im sonstigen Leben auch erwiesen sich die Esel zunächst als fremdenfeindlich und wollten keine Schafe an ihre Futterkrippe lassen nach dem bekannten Motto: Ich habe nichts gegen fremde Schafe, aber diese Schafe sind nicht von hier. Inzwischen haben sie sich an die neuen Nachbarn gewöhnt, zumal gelegentlich vom Schafsfutter auch etwas für sie abfällt. Die Schafe sind begeistert, weil sie von den Kindern reichlich gekämmt, gestreichelt und mit Möhren versorgt werden. Und hochfliegende Springübungen werden durch bauliche Vorkehrungen sowohl im Zaum als auch im Zaun gehalten. Bei weitem nicht jede stationäre Unterbringung in einer Jugendhilfeeinrichtung ist so erfolgreich.

Ausblick zur Jahreswende

Till, das zuständige Finanzgenie der Ruhrschäferei sagt: Das nächste Jahr ist schwierig, aber machbar. Am Ende des Jahres ist zum ersten mal wirklich Land in Sicht. Um den Weg bis dahin zu erleichtern, wären weitere Patenschaften sehr hilfreich. Wenn ihr also mit dem Gedanken daran spielt: Traut euch! Zu Weihnachten, zu Silvester, zu Dreikönige, zum Geburtstag oder danach.

Regenwolken ziehen über das Land. Florian steht mit der Herde in der Sterkrader Heide. Das Wasser tropft vom Umhang auf die Stiefel. Seit Stunden werden er und die Schafe aus der Deckung der Büsche von einem Fuchs beobachtet. Zwischendurch verschwindet er in seinem Bau, dann taucht er wieder auf. Zora lässt ihn nicht aus den Augen. Ihre ohnehin spitzen Ohren werden immer spitzer. Mit Kostüm würde sie aussehen wie Galadriel, die Elfenkönigin und Herrin des Goldenen Waldes. Vom Brocken im Harz wird Schnee gemeldet. Zwei Stunden später steht Florian neben dem Pferch, während gleichzeitig Blitz, Donner und Hagel über der Fläche niedergehen. Ayla und Loni sehen ihn schräg an und die Schafe drängen sich an die Brombeerhecke . Nächste Woche zieht die Herde weiter in den Sterkrader Wald. Weihnachten wird sie im Rotbachtal stehen.

Euch allen wünschen wir ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Anfang für das neue Jahr! Lasst das mit den guten Vorsätzen und genießt die Zeit zwischen den Feiertagen so gut ihr könnt!

Das Team der Ruhrschäferei

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Aktualisiert: 05.12.2016 22:35:34