Hirtenbrief #10

Liebe Freundinnen und Freunde der Ruhrschäferei!

Schaftrieb

Ein Sommer geht zu Ende. Schon der zweite für die Ruhrschäferei. Ob das Wandern des Müllers Lust ist, mag er selber wissen. Für die Ruhrschäferei und ihre Herde wird es – meist Lust, seltener Last – zunehmend zur Gewohnheit. Wunderschöne Wege durchs Rotbachtal oder den Sterkrader Wald, Wege entlang von Feldern und Wiesen, Abschnitte durch enge Gassen, wo die Leute die Fenster aufreißen und sich zurufen, wenn die Herde kommt, über breite Straßen mit donnerndem Verkehr oder am Wasser entlang. Wege bei Sonne, Regen und Wind. Die Strecken sind inzwischen bekannt und müssen nicht mehr durch findige Scouts, die zu Fuß, mit dem Tretroller oder per Motorrad Passagen durch unerforschtes Indianerland suchen, erkundet werden. Übers Jahr verteilt werden die Flächen mehrfach aufgesucht. Aufgezeichnet ergeben die Bewegungen der Herde ein pastorales Schnittmuster eigener Art, das sich – wir sind im Ruhrgebiet – zur Zeit auf drei Flüsse erstreckt: Emscher, Ruhr und Rhein, sowie auf fünf verschiedene Städte: Oberhausen, Dinslaken, Duisburg, Essen und Bottrop. Die geheimen Wanderwege der Ruhrschäferei: ein städteverbindendes Band, das die Grenzen des überkommenen und als Feind des Strukturwandels entlarvten lokalen Kirchturmhorizonts schon jetzt deutlich überschreitet. In aller Bescheidenheit: Hier sehen wir – cum granu salis – eine nicht erst symbolische, sondern im praktischen Leben bereits stattfindende, sowohl augenfällige, als auch vielfüßige Vorwegnahme des zumindest von manchen ersehnten Zusammenwachsens der Metropolregion Rhein-Ruhr. Auf dem ehrfurchtgebietenden, aber – unter uns gesagt – noch etwas wolkigen Hintergrund von mit kühner Geste entworfenen planerischen Leitbildern, deren Performance eindrucksvoll, deren Zukunft aber noch nicht wirklich gewiss ist, blüht hier schon jetzt ein zartes Pflänzchen, das im Stillen wächst. Wege, die wir gerne gehen.

Wie nicht nur Hape Kerkeling, sondern auch schon mittelalterliche Pilger wussten, führen diese und alle anderen Wege nicht nur nach Rom, sondern auch nach Santiago de Compostella. Instinktiv hatten dies einige unschwer als Touristen erkennbare Wanderer erfühlt, die hinter der Herde hergingen, als diese sich dichtgedrängt langsam die Fußgängerrampe hinter der Ruhrorter Brücke zum Rheinufer hinunter schob. Statt ungeduldigen Gebrummels wegen der Blockade, hörten wir plötzlich hinter uns den entzückten Ausruf: „Oh wie süß! Das ist ja wie in Spanien!“ WIE IN SPANIEN! IN DUISBURG! MIT DER HERDE DER RUHRSCHÄFEREI! Einen Moment lang fühlten wir uns wie fellbehangene Hirten im spanischen Hochland auf alten Transhumanzwegen, bogen dann aber realiter auf den alten Leinpfad am Homberger Rheinufer ein. Auch dies immerhin ein ehrwürdiges Wegstück, auf dem Lastkähne bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts von Pferden stromaufwärts gezogen wurden. Sie sind vergessen und niemand sonst erinnert sich an sie, aber wenn wir mit den Schafen auf ihren alten Spuren gehen, sehen wir sie im Wind, der vom Rhein kommt, und wir verneigen uns vor ihrer mühseligen Arbeit.

Nun wollen wir dabei nicht verschweigen, dass es Hirtenwege gibt, die sich sowohl durch eine deutlich längere Tradition, als auch durch vergleichsweise haarsträubendere Begleitumstände auszeichnen, als die Wege der Ruhrschäferei zwischen Rhein, Ruhr und Emscher im allgemeinen erwarten lassen. Vom Weg über den Gemmipass in der Schweiz wird vermutet, dass er schon von jungsteinzeitlichen Hirten vor der Bronzezeit benutzt wurde. Auf einem in scharfen Zick-Zack-Kurven verlaufenden schwindelerregenden Pfad, der zum Teil in den Fels gehauen am Abgrund vorbeiführt und steil aufwärts 900 Höhenmeter überwindet, treiben Hirten zweimal im Jahr eine Herde von 900 Schafen auf- bzw. abwärts. Schon Mark Twain beschwerte sich hier bei seiner Europareise, dass es eine Zumutung sei, auf einem Weg zu laufen, bei dem der linke Ellenbogen den Felsen berührt, während der rechte sich frei über dem Abgrund bewegen kann. Angeblich haben sich in früheren Zeiten manche die Augen verbinden und von bezahlten Führern tragen lassen, weil ihnen der Blick in die Tiefe unerträglich war.

Im Unterschied zum Zugweg der Ruhrschäferei können die Hirten am Gemmipass sich beim Schaftrieb allerdings auf eins unbedingt verlassen: dass ihnen kein LKW entgegen kommt. Das ist bei der Durchquerung des Ruhrgebiets bekanntlich keineswegs überall gesichert. Die Aufgabe von Hirt und Hunden ist es in diesem Fall, sofern möglich, das eigentlich Unerhörte zu tun. Nämlich dafür zu sorgen, dass – nett formuliert – aus fließendem Verkehr in einem Akt einvernehmlicher Entschleunigung spontan eine verkehrsrechtlich nicht unproblematische Mischfläche entsteht, im Planerdeutsch SHARED PLACE genannt. Als wahrgewordener Albtraum eines ordentlichen Verkehrsbürokraten befinden sich Schafe und Lastwagen ohne oder gar gegen vorhandene Verkehrsschilder plötzlich und unversehens in einer Begegnungszone quasi anarchistischer, auf situationistischer Interaktion beruhender Selbstregulierung. Ein kurzes Innehalten bei der Begegnung zweier Welten, bei dem der Fluss des Verkehrs anhält und mit dem Stock des Schäfers geteilt wird, wie weiland von Moses das Rote Meer, bis die Herde trockenen Fußes hindurch ist und er weiterfließt. Zum Glück fehlt die Reiterei des Pharao.

Sofern die Lage ein solches Arrangement nicht hergibt, müssen Herde und Verkehrsstrom nebeneinanderher geführt werden. Eher noch als die Schafe sind die Hunde dabei gefährdet, wenn sie wie schwarze Furien mit blitzschnellen Interventionen dazwischenfahren, um Schafe und Verkehr getrennt zu halten. Bisher zum Glück immer erfolgreich und ohne Beschädigung von Mensch und Tier. Möge Pan, der Gott der Hirten, Widder und Ziegenböcke dafür sorgen, dass es so bleibt.

In der Geschichte des Schaftriebs und des Hütens war es jahrtausendelang üblich – und niemand hätte sich etwas anderes vorstellen können –, dass die ziehende Herde durch Wald und Wüste von Fußgängern begleitet wurde. Hier und da wurden allerdings auch Pferde eingesetzt. Der Rettir, der jährliche Abtrieb der Schafe aus dem isländishen Hochland war ohne Islandponys kaum möglich. Seit dem Mittelalter wird aus Flamen und später aus ganz Frankreich von Schäfern auf Stelzen berichtet. Stelzen – um dies mal klarzustellen – wurden keineswegs erfunden, um bei Straßenfesten am Prenzlauer Berg mit Walk-Acts grüne Schwabenkinder zu entzücken, sondern waren ein Arbeitswerkzeug, um Schäfern, ergänzt durch einen langen Stock, mit dem sich eine Art Dreibein ergab, einen besseren Überblick über die Herde und – quasi mit den legendären Siebenmeilenstiefeln – eine schnellere Bewegung im Gelände zu ermöglichen. Eine Technik, die über Jahrhunderte eingesetzt wurde. Erst seit einigen Jahrzehnten gab es Bilder, meist aus Australien oder Neuseeland, bei denen Hirten mit PickUps, Enduro-Maschinen und Quads die Herden begleiteten. Unterstützt wurden sie dabei von Hütehunden, die während der Fahrt auf dem Tank oder auf der Ladefläche saßen und auf Kommando hinab- oder wieder heraufsprangen. Wir möchten auf keinen Fall anmaßend erscheinen, aber der Ruhrschäferei blieb es vorbehalten, dem nach Jahrtausenden eine weitere Neuerung hinzuzufügen, von der Florians Vater mit der ihm eigenen zurückhaltenden Bescheidenheit behauptet, dass diese ein weltweites, wahrscheinlich sogar kosmisches Alleinstellungsmerkmal der Ruhrschäferei darstelle: nämlich das HÜTEHUNDASSISTIERTE TRETROLLERFAHREN, im Fachjargon auch SHEEPDOG ASSISTED SCOOTERING, beim Schaftrieb.

Als rückwärtiges operatives Element ist er beim Ziehen für den hinteren oder je nach Lage seitlichen Flankenschutz der Herde zuständig. Das macht er mit einem Tretroller, der ein geländegängiges 26iger Mountainbike-Vorderrad hat, sowie einem komplett durchgeknallten Schafpudel an der Seite, der während des ganzen Trails versucht, irgendwelche undiszipliniert naschenden oder sonstwie unbotmäßigen Schafe in die Hacken zu beißen. Das gelingt ihm nur deswegen nicht, weil er angeleint ist und von 2 V-Brakes auf Abstand gehalten wird, denen er aber beim dritten Trail die Bremsklötze runterradiert hatte. Michael behauptet, das sei weltweit einzigartig; kein Mensch arbeite mit dieser Hütetechnik und wer das Gegenteil behaupte, sollte ihm das bitte schön mal zeigen. Wir vermuten allerdings, dass das tatsächlich niemand kann.

Die Blumen des Bösen

Ein Gespenst geht um auf Deutschlands Wiesen und Wegrändern. Es winkt mit freundlich gelben Blüten vom Mittelstreifen der Autobahn, breitet sich auf Weideflächen mit einem gelben Schleier aus, erobert immer neue Nischen und löst Ratlosigkeit und Erschrecken bei Rinderhaltern, Pferdebesitzern und Schäfern aus: Das Jakobskreuzkraut, auch Jakobsgreiskraut genannt, lateinisch senecio jacobaea. Mit der freundlichen Anmutung frühlingsgelber Blüten vergiftet es alle, die es direkt oder indirekt mit der Nahrung aufnehmen, sei es als Grünfutter, Heu, oder Silage. Eine einmal erfolgte Vergiftung ist irreversibel und tückisch, wirkt in der Regel nicht sofort, sondern wird kumulativ durch weitere Dosen tödlich, das aufgenommene Gift produziert im Körper weitere Gifte. Deswegen ist es durch Schnelltests nicht festzustellen. Die Diagnose ist zunächst unklar, wenn sie eindeutig ist, ist es zu spät. Erkrankte Pferde wurden im Endstadium als regelrecht wahnsinnig beschrieben – ein Bild aus der Apokalypse.

Keine Shakespearsche Hexenküche hätte IN THUNDER, LIGHTNING OR IN RAIN ein übleres Gebräu herstellen können. Der Name des Gifts: Pyrrolizidin-Alkaloide. Eigentlich nichts Neues in Deutschland, die ganze saubere Familie der Kreuzkräuter mit Dutzenden von Mitgliedern bis auf einen schmalblättrigen Verwandten aus Afrika keine Neophyten, keine ausländischen Eindringlinge, sondern alteingesessenes Pack, alle giftig, aber das Jakobskreuzkraut ist der übelste Vertreter dieses botanischen Gesindels. Andere Schönheiten der Blumenwiese übrigens, z. B. der Blaue Natternkopf, der sich den pflanzenkundlich ahnungslosen Dichtern der deutschen Romantik durchaus als ihre Blaue Blume hätte andienen können, haben dasselbe Teufelszeug in sich. Und kein Grund für anthropozentrischen Hochmut, der meint: Das betrifft nur Tiere, ich esse keine Blumen. Zwar würden tatsächlich die wenigsten Liebhaber gepflegter Tischdekoration einen Blumenstrauß aus dieser hübschen Pflanze mit der 13-strahligen Blüte zum Dessert verzehren, aber auch in der Milch wurden schon Spuren gefunden, bei Kühen, die gegen das Gift Resistenzen entwickelt haben und die Alkaloide in die Milch weitergeben, sowie in lateinamerikanischem Honig. Und wirklich ungesund sind vitaminreiche Wildkräutersalate, bei denen die Blätter von Kreuzkraut mit Rauke, vulgo Rucola verwechselt wurden, was, wie schon der Name nahelegt, insbesondere beim Raukenblättrigen Kreuzkraut nicht schwer ist. Probleme gab es auch schon mit Kräutertees, die von pharmakologischen Legasthenikern oder berufsbedingt schlampigen Kriminellen komponiert wurden. Und durch verunreinigtes Getreide soll es vor ein paar Jahren in Afghanistan Tausende von Toten gegeben haben. Die Wissenschaft rätselt noch und ist sich nicht ganz einig. Stellungnahmen sind regional und möglicherweise je nach Auftraggeber unterschiedlich. Manche versuchen, den Ball flachzuhalten. Vor ein paar Jahren brach aufgrund des Fundes eines einzigen Kreuzkrautblatts in einer Rucolapackung in einigen Bundesländern der komplette Rucolamarkt zusammen. Es geht auch um Geld. Die meisten anderen geben dringende Alarmmeldungen ab. 40 Prozent der Lebererkrankungen sind unklaren Ursprungs. Liegt hier die Erklärung? Warum breitet sich diese alteingesessene Pflanze seit Jahren stärker aus? Sind die Autobahnmeistereien schuld, weil sie zu wenig mähen? Die Gartencenter, die bis vor einiger Zeit noch Wildblumensamen mit Jakobskreuzkraut verkauften? Die EU mit ihrer Förderung von Brachflächen? Der Klimawandel? Sind es Fehler im Weidemanagement? Oder Ist das Ganze nur ein Hype von ein paar traumatisierten Frauen des AKKK (Arbeitskreis Kreuzkraut), denen das Zeug ihre Pferde umgebracht hat? Fragen über Fragen und das Universum schweigt. Wer allerdings die Fütterungsversuche mit Kälbern nachliest, möchte keins dieser Kälber gewesen sein. Nach 100 Tagen waren alle tot.

Die Beseitigung ist schwierig. Mähen und Liegenlassen reicht nicht, ist als alleinige Maßnahme eher schädlich, weil das Zeug vermehrt austreibt. Die Wurzel muss mit ausgerissen werden und zwar restlos. Der Samen überlebt die kommunale Kompostieranlage, nutzt sie als Verteilerzentrum und erblüht woanders von Neuem. Ein wahres Höllenkraut, das, möglichst unter Absingen exorzistischer Beschwörungsformeln, verbrannt werden muss, wenn es nicht mit Simplex, und zwar möglichst wiederholt, zu Tode gespritzt wird. Simplex ist ein Pestizid, dessen Name unterkomplexen Gemütern eine beruhigend einfache Anwendung vortäuschen soll, das aber zu komplizierten Folgeproblemen führen kann. Das dabei benutzte Gift wird auch in der Biogasanlage nicht aufgebrochen und ist noch in der Gülle von Tieren nachweisbar, die simplexbehandelte Pflanzen gefressen haben. Damit würde ein weiteres Mal der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Und bekanntlich weiß schon der Evangelist, dass dann die letzten Dinge schlimmer sein werden als die ersten.

Der Hilfsschäfer schiebt seine Hutkrempe zum Schutz vor der mörderischen Sonne ins Gesicht und erschlägt mit seiner Frankfurter Schüppe eine senecio jacobaea, die ihn auf Augenhöhe anblüht. Er denkt an die Behauptung seiner Lieblingsfeministin, dass weder Gott noch Jahwe noch Allah jemals die barbarischen Elemente unter ihre Macht gebracht haben. Die Natur ist kein Rosengarten, sondern ein Allerteufelstag. Das verlorene Paradies, in dem alle Tage Halloween ist. Er überlegt seit einiger Zeit, ob ein Flammenwerfer nicht die adäquate Antwort auf diese gelbblühende Ausgeburt der Hölle ist. Aber seine Söhne sagen, der Krieg sei vorbei.

Ziegen

Vor ein paar Wochen ist die Herde um einige junge Ziegen erweitert worden. Einschließlich eines kleinen Burenziegenböckchens, das dafür sorgen soll, dass das Ziegenkontingent sich vergrößert. Der Erstkontakt verlief etwas skurril. Die Ziegen – ungefähr Rehkitzgröße – wurden von Florian in die Koppel gesetzt. Mit dem Ergebnis, dass die Schafe vor diesen bedrohlichen Fremdlingen in wilder Flucht davonrannten. Die kleinen Ziegen, alleingelassen und vom Herdentrieb überwältigt, rannten hinterher. Erreichten schließlich die Schafe, die immer noch in heller Aufregung waren und davon, dass die gefährlichen Zwerge jetzt mitten unter ihnen waren, noch weiter beunruhigt wurden. Dies wiederum beunruhigte die Ziegen sehr. Irgendetwas gefährliches musste im Busch sein. Warum sonst die Panik bei den Schafen? Nur mühsam kehrte durch einzelne mutigere Schafe Ruhe ein, die sich allmählich auf die anderen übertrug. Wesentlich anders verlaufen sich selbst eskalierende Fälle von Hysterie und Massenpanik bei Menschen auch nicht. Der homo sapiens trägt sehr alte Reflexe mit sich und seine Schnittmenge ist nicht nur mit Affen, sondern auch mit Ziegen größer, als er glaubt. Ziegen werden in Schafherden, die zur Landschaftspflege eingesetzt werden, hinzugesetzt, weil sie das Spektrum der abgeweideten Pflanzen erweitern. Sie sind bevorzugt Laubfresser, fressen aber auch alles, was die Schafe fressen. Und das überaus gründlich. Insbesondere um das Aufkommen unerwünschter Gehölzbestände zu verhindern, bzw. bestehende Gehölze zu reduzieren aber auch für andere Pflanzenarten sind sie wirksam und wie Schafe billiger als der Einsatz von Menschen und Maschinen, die gegenüber der Aufwuchsgeschwindigkeit mancher Pflanzen sichtbar eine Sisyphosarbeit verrichten. Nach neuesten Forschungen war Sysyphos nicht mit dem Bergaufrollen von Steinen beschäftigt, sondern ein kommunaler Grünflächenarbeiter, der damit beauftragt war, Japanischen Staudenknöterich kurz zu halten, möglicherweise aber auch Birken- und Weidenaufwuchs oder Drüsiges Springkraut.

Ziegen sind quasi die Special Forces in einer Schafherde und erweitern deren landschaftspflegerische Potenz. Nicht nur indem sie ein paar Pflanzen fressen, die Schafe nicht mögen, sondern auch, indem sie den sog. Fresshorizont der Herde durch ein paar artistische Fähigkeiten erweitern, über die Schafe nicht verfügen. Neben exzellenten Kletterkünsten durch das, was der Fachmann mit dem erstaunlichen Begriff „fakultative Bipedie“ bezeichnet. Bei Günter Jauch käme da auch mit Joker kein Mensch drauf. Gemeint ist damit die Fähigkeit, vorübergehend auf zwei Beinen zu stehen und damit den Bestand des erreichbaren Fressens auf 1,80 Meter zu erhöhen. Wenn man dieses Kunststück dann noch auf dem Rücken eines geduldigen Esels oder Ponys veranstaltet, wie verschiedentlich fotografisch dokumentiert, kann eine Ziege damit wahrlich ungeahnte Höhen erreichen. Und aus eigener Anschauung kann der Chronist aus Marokko berichten, wie Ziegen in fünf Metern Höhe in Baumkronen herumturnten, und Blätter abweideten. Es wird darum dringend davon abgeraten, Ziegen auf Obstwiesen einzusetzen, da ihre Vorstellungen von Gehölzpflege im Obstanbau fachlichen Standards in keiner Weise genügen.

Es ist im Wortsinn eigenartig, dass zwei doch als wiederkäuende Paarhufer relativ nah verwandte Tiere wie Schaf und Ziege ein so unterschiedliches Verhaltensrepertoire haben. Nicht nur die artistischen Fähigkeiten der Ziegen unterscheiden sie vom Schaf, sondern auch ein höheres Maß an Neugier und Einfallsreichtum.

Das erhöht gleichzeitig ihre Fähigkeit, Unsinn zu veranstalten, was nicht immer zur Freude des Halters beiträgt. Ziegen können z.B. herausfinden, wie man verriegelte Stalltüren öffnet und ihr Drang, bei der Herde zu bleiben, ist weniger stark ausgeprägt als bei Schafen. Auch hier kann der Chronist aus eigener Anschauung berichten, dass er schon Ziegen aus der Dachrinne eines Zweifamilienhauses herausholen musste, wo sie nach Auffassung ausnahmslos aller Anwesenden eindeutig nicht hingehörten. Die Herde im Diepholzer Moor, bei der Florian mit dem noch jungen Troll gearbeitet hat, umfasste neben Bentheimer Schafen auch eine Gruppe von Ziegen. Der erste Kontakt Trolls mit der Herde bestand darin, dass er von einem Ziegenbock auf die Hörner genommen und einen halben Meter in die Luft geschleudert wurde. Troll, obwohl noch jung, verfügte als Spross einer alten Schafpudeldynastie allerdings über die didaktische Kompetenz, um dafür zu sorgen, dass der Bock das – jedenfalls mit ihm – nie wieder gemacht hat. Andere Hunde, die in einer solchen Situation unter dem Gelächter der Herde das Weite suchen, brauchen sich nicht wieder blicken zu lassen.

Wenn die Herde – oft unter Führung der Ziegen – versuchte, über die vorgegebene Furche hinaus auf benachbarte Flächen mit attraktiverem Futter zu drängen, kam, wenn der Hütehund nicht von sich aus intervenierte, vom Schäfer irgendwann das Kommando „Geh weiter Furche“, woraufhin der Hund vorwärts schoss, um die Herde zurückzuscheuchen. In der dann aufkommenden Hektik wurde niemals eine Ziege erwischt, sondern immer eins der offenbar etwas begriffsstutzigeren Schafe. Die Ziegen dagegen hatten längst hinter etlichen Schafen Deckung gesucht und gefunden.

In vielen Länder gab es bis vor nicht langer Zeit von Ziegen gezogene kleine Wagen, wofür eigens der Begriff Working Goats erfunden wurde. Die Anmutung dieser Gespanne war deutlich weniger martialisch als der von den Ziegen ZAHNKNIRSCHER und ZAHNKNISTERER gezogene Kampfwagen des Donnergottes Thor. Ob die Ziegen des göttlichen Hammerwerfers Zahnprobleme hatten, konnte von der Forschung bisher nicht wirklich geklärt werden. Und im Naturpark Gantrisch in der Schweiz und anderswo kann der Wanderer neuerdings handzahme sog. Packgeissen buchen, die in Packtaschen seinen Bedarf an Unterhosen, Oberhemden, Tütensuppen, Tassen, Kaffeepads und Smartphone-Reserve-Akkus über Stock und Stein hinter ihm hertragen.

Das brauchen die Ziegen der Ruhrschäferei nicht. Sie sollen Bromberblätter und Birkenaufwuchs fressen und die Sterkrader Heide und alle anderen Flächen der Ruhrschäferei auf vier und manchmal auch auf zwei Beinen freihalten. Und ein bisschen Unsinn dürfen sie schon machen.

Schäfer

TI EIS TUT, TI EIS PASTUR, TI EIS MAZLER, TI EIS HENTGER, TI EIS SPINDRERA, TI EIS CUTCH, TI EIS VETERINARI, TI EIS QUEI CHE TI LAIAS FAR CUN TEI.

DU BIST ALLES, DU BIST HIRT, DU BIST METZGER, DU BIST HENKER, DU BIST HEBAMME, DU BIST TOTENGRÄBER, DU BIST TIER- ARZT, DU BIST DAS, WAS DU MIT DIR MACHEN LÄSST.

aus: Gilberte Favre, Homöopathie für Schafe

Die Herde liegt in der Mittagshitze unter Obstbäumen im Schatten. Ein Tag mit flirrender Luft; die Stunde des Pan. Die Hunde liegen, den Kopf auf die Vorderfüße gestreckt, unter einem Holunderstrauch und beobachten den Weg, über den keiner kommt. Nur zwei Krähen regen sich am Rand des Gehölzes über die Eindringlinge auf, fliegen eine Runde über den Weg und wechseln in eine tote Birke. Florian schaltet die Batterie des Weidezaungeräts ab, steigt mit einem Kanister über das Netz und füllt den Wasserbehälter auf. Ein Stück weiter liegt die Wiese mit den Bocklämmern, die er von der Herde getrennt hat, weil sie sonst die eigenen Mütter und Schwestern besteigen. Und auch Paulus hat er im Stall untergebracht, weil er sonst mit den eigenen Töchtern Vater auch der nächsten Lämmergeneration würde. Demnächst wird der Widder zu einer Herde in der Eifel wechseln, wo 100 Mutterschafe auf ihn warten. In der Herde der Ruhrschäferei ist seit kurzem Paulus ll., ein noch junger Bock, der noch nicht den gewichtigen Auftritt und das rüpelhafte Benehmen seines Vorgängers hat. Aber das wird er noch lernen.

Zum ersten Mal hat sich mit dem Austausch der Widder ein Kreislauf geschlossen. Viele in der Herde geborene Mutterschafe haben inzwischen Lämmer bekommen. Einige sind von Florian, Tina und Hilde mit der Flasche aufgezogen, aber trotzdem tadellos integrierte Herdenmitglieder geworden. Die ersten in der Herde geborenen Böcke sind geschlachtet. In den nächsten Wochen werden weitere dazukommen. Bis zum nächsten Frühjahr wird es erneut viele Lämmer geben. Florian denkt an die vielen Winterabende, an denen er im Dunkeln die Herde kontrollieren wird, um Neugeborene mit ihren Müttern zum Stall zu bringen. Noch ist das weit weg. Noch ist der Sommer heiß und trocken, aber schon werden die Abende kürzer. In ein paar Wochen ist der Herbst da. Bis dahin wird die Herde noch an mehreren Tagen weiterziehen, wird Florians Rufen folgend noch einmal den Rhein überqueren, an der Ruhr- mündung vorbei Richtung Emscher ziehen und dann jenseits der Emscher vor dem Winter noch weitere Flächen beweiden. Langsam beginnt der Himmel, sich zuzuziehen. Ein paar Windstöße jagen durch die Walnussbäume. Die Böden sind ausgetrocknet. In einigen Stunden wird es regnen. Es wird Zeit.

Einen schönen Herbst wünscht euch Florian, Michael und das gesamte Team der Ruhrschäferei

Kategorie: 

Aktualisiert: 05.12.2016 21:51:29