Hirtenbrief #11

Liebe Freundinnen und Freunde der Ruhrschäferei!

Frau Wolle

Novembermorgen, vor Sonnenaufgang. Wenn die Herde jetzt im Pferch vor dem Waldrand steht und darauf wartet, auf eine neue Koppel mit frischem Gras gelassen zu werden, tauchen die Schafe erst spät aus der Dunkelheit auf. Es sei denn, man sucht schon von weitem mit der Taschenlampe nach ihnen. Dann sieht man bereits aus weiter Entfernung ein Band von vielen glühenden Knöpfen, die den Näherkommenden schweigend wie ein Tier mit unzähligen Augen ansehen. Bewegungslos gewordene Irrlichter, geschaffen für den, der auszog, das Fürchten zu lernen.

Dann nähert sich die Zeit, in der einige Wochen später, wenn es am dunkelsten ist, und die höllischen Elemente zu Beginn des Winters außer Rand und Band geraten, in den zwölf Rauhnächten von Weihnachten bis Heilige Drei Könige, seit Alters her im Heulen des Sturms der Wilde Jäger mit seinem Gefolge durch die Lüfte tobte und mit den im Wind schlagenden Ästen der Baumwipfel

Mensch und Tier in Schrecken versetzte. Es empfahl sich in diesen Nächten, auf Hohlwegen und Waldschneisen keinesfalls in der Mitte zu laufen, weil es sonst passieren konnte, dass man von tieffliegenden Wolfshunden und langmähnigen Gespensterhengsten auf üble Weise niedergerempelt wurde.

Der Wilde Jäger befindet sich nun allerdings seit etlichen Jahren in einer tiefgreifenden Identitätskrise, weil die Firma Coca Cola, der bekanntlich nichts heilig ist, ihn unter Verwendung seiner gefürchteten HO HOH! HO HOH!-Rufe zum Weihnachtsmann gemacht hat, unter hemmungsloser Verwertung von Bestandteilen des Heiligen Nikolaus, der seinerseits schon seit langem aus dem ungehobelten Gefolge des Wilden Jägers und seiner heidnischen Verwandtschaft den kettenrasselnden Knecht Ruprecht entwendet hatte.

Der wüsten Gefolgschaft des Wilden Jägers wurde auch die später auf nicht eindeutig geklärte Weise in den Märchen der Gebrüder Grimm auftauchende Frau Holle zugerechnet, der man eine solch üble Herkunft eigentlich nicht zugetraut hätte. Auf den manchmal dunklen Wegen volkstümlichen Aberglaubens wurde aus Frau Holle hier und da, in Thüringen und anderswo, auch Frau Wolle, die während der Rauhnächte darauf achtete, ob die jungen Mädchen auch ihre Spindeln und Rocken in Ordnung hielten, zumal die Winterzeit ja die bevorzugte Zeit des Wollespinnens war. Das war vielleicht auch der Grund, weswegen sie später in Grimms Märchen die dann bei ihr für Schneefall durch Bettenausschütteln zuständige Goldmarie aufgenommen hat, die ja ihre Spindel dummerweise in einen Brunnen hatte fallen lassen. Frau Holle, die also eigentlich Teilnehmerin einer höllischen Jagdgesellschaft war, von der nichts Gutes zu erwarten war, war gleichzeitig als fürsorgliche Sachwalterin der Wolle auch von segensreicher Wirkung für die Menschen, die die Wolle in vielfacher Hinsicht brauchten und zu nutzen wussten. Nicht nur für Decken und Kleidung, sondern auch etwa so, wie es Hans Haid In seinem Buch Das Schaf. Eine Kulturgeschichte beschreibt: „Bei Fieber band man einen blauen Wollfaden neunmal um eine Zehe des linken Fußes, trug ihn einige Tage, ging dann vor Sonnenuntergang stillschweigend an einen Holunderbusch, band diesem den Faden um und sprach: Goden Abend, Herr Fleder / Hier bring ich min Feber / Ich bind em di an / Und gah davon“

Bei Risiken und Nebenwirkungen schlagen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, aber vermutlich ist die hier empfohlene Rezeptur vollkommen unschädlich und bietet sich gefahrlos für einen Selbstversuch an.

Tim Mälzer

Eine Fernsehsendung in der ARD mit Tim Mälzer über Fleischqualität und Tierhaltung . Anschließend „Hart aber fair“ von Plassberg zum selben Thema. Tim Mälzer ist angenehm undramatisch, vermeidet Horrorbeispiele und Schockerfotos, besucht konventionelle Rinderställe, einen davon mit Anbindehaltung, einen Bullenmastbetrieb, einen kleinen Schlachthof und einen Biohof. Eine Vielzahl von Betrieben hat es abgelehnt, sich filmen zu lassen.

Die, die die Erlaubnis geben, sind vermutlich eher gehobener Standard. Mälzer testet Fleischqualitäten in der Küche mit gutem Ergebnis für Biofleisch, kommt aber auf eine sympathisch wenig agitierende Weise hartnäckig vor allem immer wieder auf die Haltungsbedingungen zu sprechen. Ein Bullenkalb kommt fürs Fernsehen für drei Minuten nach draußen auf die Wiese. Der Landwirt sagt: „Das ist das letzte Mal in seinem Leben, dass er nach draußen kommt und das einzige von unseren Tieren, das je eine Wiese gesehen hat.“ Mälzer sagt: „Die Tiere sehen nicht krank aus. Aber kann das tiergerecht sein, wenn ein Tier sich lebenslänglich nur auf ein paar Quadratmetern bewegen kann? Und welche Implikationen hat das für die Umwelt?“ In „Hart, aber fair“ werden Kunden vorm Lebensmittelgeschäft gefragt, die gerade Fleisch aus konventioneller Herstellung gekauft haben. Alle sind bestens informiert; die Diskrepanz zwischen dem, was sie wissen, und ihrem Kaufverhalten, ist ihnen vollständig bewusst und wird ironisch kommentiert. Informierte Verbraucher wie du und ich, die sich mit Wissen, Gewissen, Vergessen und Verdrängen irgendwie durch den Wochenendeinkauf mogeln, wie die meisten von uns. Während der Sendung fällt mir natürlich dauernd die Ruhrschäferei ein. Ich stelle, nicht gerade überrascht, aber doch mit einer – sagen wir – beiläufigen Genugtuung fest, dass vieles von dem, was in der Sendung anklingt und als Forderung an eine z.Zt. eher ferne nachhaltige Landwirtschaft genannt wird, bei uns, wie bei den meisten Schäfereien als Form ökologisch angepasster extensiver Landwirtschaft selbstverständlicher Standard ist. Weidegang für die Tiere? Ja, was denn sonst?

Trennung von Mutter und Jungtier nach der Geburt wie bei Milchkühen? Nicht bei Schafen, stattdessen lebenslanger Verbleib in der Herde. Schlachten trächtiger Muttertiere, weil die Jungtiere so gut wie wertlos sind und vor oder nicht selten auch nach der Geburt entsorgt werden? Eine abartige Praxis. Anbindehaltung? Nicht bei Schafen. Preisdumping, um auf dem Weltmarkt absatzfähig zu sein? Nicht bei Schaffleisch aus Deutschland. Wir setzen auf regionale Vermarktung. Abholzung des Regenwaldes, um Futter für Stalltiere in Deutschland anzubauen? Nicht für Schafe. Regelmäßige präventive Antibiotikagabe mit der Gefahr resistenter Keimbildung ? Nicht bei Schafen. Kupieren von Schwänzen und Ausbrennen von Hörnern? Nicht in der Ruhrschäferei. Tiere auf Betonspaltenböden ohne Stroh? Nicht bei Schafen. Produktion von Gülle in Dimensionen, die das Grundwasser gefährden und als externe Kosten bei der Wasseraufbereitung von der Allgemeinheit zu tragen sind? Nicht durch Schafe. Stundenlange Tiertransporte zu Großschlachtereien, wo die Tiere unter Stress von gestressten Akkordarbeitern geschlachtet werden? Nicht bei der der Ruhrschäferei. Man sieht: Fernsehen kann auch bilden. Und natürlich können wir noch besser werden in der Ruhrschäferei. Aber bei vielen Punkten, auf die es ankommt, sind wir schon ganz gut.

Dirty old town

Ein Marktforschungsunternehmen, dessen Name hier nicht genannt sein soll hat, wie jüngst die NRZ meldete, in einer repräsentativen Befragung von über 18jährigen Bürgern und Bürgerinnen, festgestellt, dass Duisburg auf einer Beliebtheitsskala unter fünfzig genannten Städten auf dem 50. Platz landet. Dem letzten. Dahinter kommt nichts mehr. Die TOTAL ROTE LATERNE. Das muss man ja erstmal schaffen.

Diese Stadt, über deren Straßen und Wege wir ebenso gerne wie arglos mit der Schafherde der Ruhrschäferei ziehen, scheint hinter ihren Fassaden ein dunkles Geheimnis zu verbergen. Liegt der Schatten Mordors über der Stadt oder Saurons Fluch? Haben die die Smogbilder von Peking und Duisburg verwechselt? Eilt der Stadt ein Ruf voraus, der auch die edelsten Seelen zurückschrecken lässt? Oder gibt es einfach zu viel Bekloppte?

Nun neigt der Duisburger als solcher zu geduldigen und sensiblen Reaktionen auf die vielfach sonderbaren Verhaltensweisen anderer Menschen, die es ja oft schwer genug mit sich haben. Wir wollen deswegen an dieser Stelle ausdrücklich nicht weiter erörtern, welche emotionalen, moralischen oder intellektuellen Totalschäden sich hinter diesem Befragungsergebnis verbergen und wie viel erschütterndes psychisches Elend eine solch nüchterne statistische Zahl bedeuten mag. Eine ausschlaggebende Mehrheit aus angeblich 5.003 befragten Menschen, von denen vier Fünftel Duisburg nach eigenen Angaben noch nie gesehen haben, wissen, dass sie diese Stadt auch in Zukunft keineswegs sehen wollen, weil sie sich eine Städtereise hierhin überhaupt nicht vorstellen können und in Duisburg zu leben erst recht nicht.

Als Duisburger kann man da nur sagen: Hoffentlich bleiben die auch dabei! Man stelle sich vor, eine Invasion von trendgesteuerten und ersichtlich unterkomplexen Gemütern würde als rollkofferziehende Zoobesucher auf der Suche nach bleichen Menschen in Not und Elend durch die Stadt irren. Würde mit und ohne Selfie-Stick schlechte Handyfotos machen, die die Welt nicht braucht, und unschuldige Eingeborene mit bescheuerten Fragen verwirren. Allenfalls könnte dadurch im Rahmen der Tourismusförderung die mediengestützte Inszenierung von Armutsvierteln ein z.Zt. noch brachliegendes Geschäftsmodell fürs Stadtmarketing werden. Die Stadt als soziale Geisterbahn mit Moritaten aus einem Fantasialand bürgerlicher und kleinbürgerlicher Albträume, vorgetragen mit nie gesehenen Power-Point-Schauerbildern zum Gruseln für das ehrlich entsetzte Publikum. Weitere Programmpunkte: a) finstere Gestalten mit Migrationsuntergrund, die an zugigen Straßenecken mit hochgeschlagenem Mantelkragen um brennende Ölfässer herumstehen. Im Hintergrund Frauen mit Burka, wofür man auch männliche Statisten einsetzen könnte, b) geführte Busfahrten durch No-Go-Areas mit Fake-Security und abgedunkeltem private glass. Extra Türsicherung kostet extra. Auf dem Bürgersteig: Drogenverkauf coram publico, c) betreutes Einkaufen im türkischen Supermarkt mit anschließender traumatherapeutisch kompetenter Nachbereitung.

Info für Aliens: Das Ruhrgebiet hat nicht nur das dichteste Autobahnnetz, sondern auch die dichteste Universitätslandschaft Deutschlands. Offenbar führte das zu einer erst durch diese Befragung aufgefallenen dramatischen horizontalen Disparität im Bildungssektor mit der Folge, dass sich woanders bildungspolitische Krisengebiete gebildet haben, in denen die heilige Einfalt herrscht, jedenfalls was Kenntnisse übers Ruhrgebiet betrifft.

Anlässlich der Kulturhauptstadt 2010 wurde der kongeniale Werbespruch fürs Ruhrgebiet kreiert: WOANDERS IS AUCH SCHEIßE. Menschen im Revier! Das ist kein Gag! Das stimmt wirklich! WOANDERS machen die bloß mehr Schleiertanz und Event und Spektakel, spielen gleichzeitig Blinde Kuh und Des Kaisers neue Kleider und erzählen sich auf Immobilienmessen gegenseitig Schwindelgeschichten von Superprojekten, bei denen man nicht weiß, was schlimmer ist: wenn sie als Luftschloss enden, oder wenn daraus was wird. Immer mit dem dazugehörenden Gesülze auf Marketing-Sprech. Dagegen ist ROTE LATERNE und LETZTE UNTER FÜNFZIG ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Das gehört auf die Duisburger Website. Das hat sonst keiner. In echt!

Duisburg, du schöne Stadt am Wasser

Lass uns deswegen, Duisburg, du Schöne im schönen Ruhrgebiet und ihr Städte an Rhein, Ruhr und Emscher in der Metropole Ruhr zum besinnlichen Jahresausklang statt über bescheuerte Städte-Rankings für Bescheuerte lieber über eure Vorzüge reden. Heinrich Böll sagt: Alle Städte am Wasser sind schön. Und Wasser gibt es hier reichlich. Den Rhein, der unter falschem Namen bis Rotterdam weiter fliesst und dann ins Meer. Und die Ruhr, die in ihn mündet und mit Ruhrort einen Stadtteil hat entstehen lassen, dessen Gesicht nicht vom Bergbau und den Hochöfen geprägt war, sondern von der Binnenschiffahrt, und die gleichzeitig dem ganzen alten Kohlerevier den Namen gegeben hat. Und Schiffe, die aus vielen anderen Ländern Europas kommen, über Frankreichs Kanäle, über die Nordsee und die Ostsee, und vom Schwarzen Meer und die haltmachen an den Kais des größten Binnenhafens Europas. Es gibt die Emscher, einen Fluss, über den die Welt noch reden wird; nicht, weil auf seinen Deichen in diesem Sommer auch die Herde der Ruhrschäferei geweidet hat, obwohl das wirklich ein schöner Anblick war, sondern weil urbane Regionen auf allen Kontinenten von der Emscher lernen werden über die Ökologie des Wassers in industriellen Ballungsgebieten. Ein Fluss, an den die Natur zurückgekehrt ist und der den Menschen im Revier Raum gibt für Freizeit ohne Eintrittskarten. Und es gibt, nicht zu vergessen, außer den Wäldern und den Äckern und den grünen Brachen und Grünzügen, wo die Besucher immer: „Das wussten wir gar nicht“ sagen, weite Uferwiesen an den Flüssen. Weil nämlich im Gegensatz zu den Flussanrainern weiter oberhalb, denen das schändlicherweise egal ist, Duisburg damit am Rhein Überflutungsflächen bietet, die bei Hochwasser einige Tage später die Stadt Rotterdam entlasten. Und die Rotterdamer müssen dann nicht so ein sturzbetroffenes Gesicht machen, wenn sie sagen: Wir finden die Bilder immer ganz schlimm, aber für uns ist das nicht schlecht, wenn die Kölner Innenstadt vollläuft. Auf diesen Überflutungsflächen weiden für den Rest des Jahres seit Menschengedenken Schafherden. Hier zieht seit einiger Zeit auch die Herde der Ruhrschäferei entlang, bevor sie vom Gipfelplateau der Rockelsberghalde in Hochemmerich über den Fluss mit seinen Schiffen und über die Deiche und das Deichvorland auf die Rheinbrücken im Norden und zur anderen Seite bis Krefeld blickt. Ein Panorama, das man woanders lange suchen kann.

Und es gibt natürlich außer dem Wasser die ganzen anderen einzigartigen Besonderheiten über über die wir hier nicht weiter groß reden wollen. Es gibt, wenn die Herde auf dem Marsch zwischen Rhein und Emscher auf der Obstwiese des Ingenhamshofs übernachtet, immer wieder den Blick auf die bunte Lichtinstallation der ehemaligen Hochofenanlage, die sich bei Nacht und Nebel in das Märchenschloss des Elfenkönigs verwandelt und gegen die das Heidelberger Schloss, gegen das wir hier nichts sagen wollen, nun ja, alt aussieht. Es gibt von Duisburg bis Dortmund, quer durchs ganze Revier, die schon längst bewaldeten Schlackenberge und die Bergehalden, die jetzt, was auch ein bisschen Marketing-Sprech ist, Landschaftsbauwerke heißen, bei denen buchstäblich das Unterste zuoberst gekehrt worden ist, nämlich Gestein aus 1.200 Metern Tiefe auf 120 Meter aufgetürmt wurde, und auf denen jetzt ein Amphitheater eingerichtet worden ist und ein Riesentetraeder, der aussieht, wie eine Mischung aus gelandetem Ufo und Cheopspyramide aus Stahlrohren, aber landschaftlich schöner gelegen ist als die Cheopspyramide. Und es gibt eine begehbare Achterbahn, die Tiger and Turtle heißt, aber besser Kind und Kegel genannt werden sollte, weil die nämlich alle da rumlaufen. Und mehr wollen wir jetzt gar nicht aufzählen. Wer das alles sehen will, soll selber kommen. Und wer das nicht sehen will, soll um Gottes Willen bleiben, wo er ist und unterbelichtete Ahnungslosigkeiten bei Umfragen zum Städteranking erzählen.

Arche Noah

Der Stall der Ruhrschäferei, dieses paläoarchitektonische Unikat, ist Objekt dauernder statischer Vervollkommnung und funktionaler Anpassung für neu entstehende Bedarfe der Herde. Dafür sorgen mit steten Ergänzungsarbeiten Florian und sein Onkel Gregor, die jeden Beschlag und jede Querstrebe des Bauwerks kennen und es wie weiland die Bauhütte gotischer Dome als Freimaurer sui generis in einem kontinuierlichen Prozess instand halten und verbessern. In der letzten Zeit entwickelt dieses denkwürdige Wunder der Baukunst auch Züge der Arche Noah. Nicht nur wegen der sumpfigen Seenplatte die – Schutz und Bedrohung zugleich – im Winterhalbjahr Zufahrtsfläche und -wege mit wechselnden Wasserständen überzieht und dafür sorgt, dass der Stall im Herbstnebel vor dem Ankömmling wie ein nach dem Schmelzen der Polkappen vor Anker gegangenes Fluchtschiff aus Kevin Costners Waterworld auftaucht. Sondern auch, weil inzwischen allerlei Getier unter seinem Dach zwar ein – aber teilweise nicht mehr ausgeht.

Neben – selbstredend – den Schafen und ihren Lämmern zunächst die Ziegen, von deren wissenschaftlichem Namen Capra sich angeblich nicht ohne Grund der Begriff kapriziös herleitet. Zwar ist Kälte kein besonderes Problem für sie, aber die Damen – und desgleichen die Herren – mit und ohne Hörner mögen es nicht, wenn es nass und windig ist. Im Winter brauchen sie einen Unterstand, der sie vor Regen und Wind schützt, deswegen bleiben sie unterm Dach. Die Hunde kommen als Stammgäste regelmäßig zu Besuch, um nach den Schafen zu sehen, neue Gerüche aufzulesen oder ein herumliegendes Knäul Wolle zu kauen, das sie hinterher möglichst unpassend auf dem Perserteppich oder im Auto wieder auswürgen.

Als eine echte Bereicherung der Wohngemeinschaft hat sich ein von Martin eingebrachter Trupp von neun Hühnern und einem Hahn herausgestellt, die wie geschäftige Gremlins zwischen und unter den Schafen herumlaufen, sich ab und zu auf dem Rücken eines Schafes niederlassen, liegende Schafe als Sprungbrett für die Oberstange der Hürde nutzen, regelmäßig Eier legen – und zwar tatsächlich an den dafür vorgesehenen Stellen –, sodass sie eingesammelt werden können, bevor eine ungeplante Kükenschar den Bestand verdoppelt und zu demographischen Verwerfungen sowie Unstimmigkeiten in der Eigentümerversammlung führt. Eine wirkliche Überraschung bestand darin, dass sie unerwartet und ohne darum gebeten zu sein, ein Ärgernis beseitigten, das Tier und Mensch im ersten Sommer erheblich auf Geist und Gemüt ging: Fliegen. Sowohl das Problem der verfluchten Fliegenmaden, das im Stall nicht mehr auftrat, als auch Baals, des Fliegengotts Millionenheer, die ordinären Stuben- und Stallfliegen, bekannt aus Kuh-, Pferde- und Schweineställen, die sich überall niederlassen und die Sonne oder zumindest das Oberlicht verdunkeln. Unermüdlich sind die Hühner von morgens bis abends damit beschäftigt, im Mist zu kratzen, einen schrägen Killerblick auf das Gefundene zu werfen und es mit einer blitzschnellen und entschlossenen Bewegung aufzupicken. Mit dem für Mensch und Tier frappierenden Ergebnis, dass es in diesem Sommer keine einzige Fliege im Stall gab. Null. Sie wissen es nicht: Aber den Hühnern ist der immerwährende Dank aller Stallbenutzer gewiss.

Möglicherweise missgestimmt waren deswegen allerdings die Flatterwesen, die abends wie Butler James in „Same Procedure“ mit leicht torkelnden Flugbewegungen den Stall umkreisten und Insekten fingen, die zu spät ins Bett gingen: die Fledermäuse. Inwieweit sie sich zu den Hühnern in einer Futterkonkurrenz befinden, entzieht sich unseren insofern beschränkten ökologischen Elementarkenntnissen.

Auch drei kastrierte Katzen waren zwischenzeitlich Bewohner des Stalls. Inzwischen steht aber wohl zu befürchten, dass dieser mit einiger Sorgfalt über Wochen organisierte Ansiedlungsversuch gescheitert ist. Die Katzen haben offenbar das Weite gesucht und sind verschwunden. Wer weiß wo. Obwohl das Gelände im näheren Umkreis autofrei ist und bisher auch kein Jagdpächter unter Verdacht steht. Noch hoffen wir, dass sie dem Weg von Bär und Tigerente nach Panama gefolgt sind und eines Tages zurückkehren.

Und nicht zu vergessen das Meisenpärchen, das im Sommer im Nistkasten an der Giebelwand seine Jungen aufzog, unbeirrt davon, dass der Kasten baustellenbedingt eine Ecke weiterziehen musste.

Ratten

Zum letzten, aber leider nicht zum mindesten ist zu berichten, dass wir feststellen mussten, dass eine alte, vom Großvater übernommene Bauernregel, nach der man entweder Mäuse oder Ratten hat, nicht immer zutrifft. Wir haben zur Zeit beides. Mus musculus und Rattus norvegicus haben unterm Dach des Schafstalls eine offenbar für beide einträgliche subversive Koexistenz organisiert. Nun hätten wir vielleicht damit leben können, ein paar Mäuse im Stall zu akzeptieren, zumal die meisten von uns von früher Kindheit an durch die Sendung mit der Maus ins Leben geführt wurden. Bei den Ratten war allerdings sofort und definitiv Schluss mit lustig. Florian musste feststellen, dass von zunächst unsichtbaren Akteuren im Stall erhebliche Mengen Erde ans Tageslicht befördert wurden, und zwar bevorzugt aus dem Bereich unter den tragenden Stützpfeilern des Stalls. Eine haarstäubende, in des Wortes finsterster Bedeutung umstürzlerische Tätigkeit, die sofortiges Handeln erzwang. Umgehend wurden die entstandenen Gänge mit unerfreulich großen Mengen flüssigen Betons verfüllt.

Zum zweiten wurde in vor den anderen Tiere gesicherten Boxen Gift ausgelegt. Der Autor gesteht, dass er diese Strategie nur ungern und unter dem Zwang der Verhältnisse akzeptiert. Die Ratte ist ein kluges und in einem differenzierten sozialen Verbund lebendes Tier. Sie ist ein Gegner, der wegen seines Mutes, seiner Beweglichkeit und seiner Intelligenz Achtung abverlangt. Die Natur hat mit der ihr eigenen Gleichgültigkeit Mensch und Ratte in ein Verhältnis zueinander gesetzt, das so, wie die Dinge liegen, Krieg bedeutet. In diesem Krieg muss der Mensch seine ganze luziferische Hinterhältigkeit aufbringen, um diesen Gegner zu besiegen. Er legt ein Gift aus, das erst mit Verzögerung tötet und der Ratte den Zusammenhang zwischen dem Tod der Artgenossen und seiner Ursache verschleiert. Die Natur lässt uns keine Wahl. Oder wie Camille Paglia sagt: Wir alle haben getötet, um zu leben. Aber es gibt keinen Grund, stolz darauf zu sein.

Lammzeit oder von der Freundlichkeit der Welt

Der Herbst hat lange gedauert dieses Jahr. Die Menschen saßen noch draußen in den Eiscafes, während überall im Land schon, begleitet von sonderbaren Ritualen der Eingeborenen, der Hoppeditz erwachte. Die Metereologen sagen, es sei der wärmste November seit Menschengedenken. Aber jetzt, am Ende des Monats, kurz vor dem ersten Advent, wird es zuerst kalt, dann kommt Sturm auf und Regen, der tage- und nächtelang nicht aufhört. Als es richtig ruppig und ungemütlich ist, werden unter nassen Windböen die ersten Lämmer geboren. Sechs Tiere in den ersten drei Tagen. Die Herde neigt zu Weihnachtslämmern. Auf langen, wackeligen Beinen versuchen sie aufzustehen gegen den Wind, fallen um, stehen wieder auf. Die Natur lässt es ungerührt, wenn sie den Neugeborenen solch eine Kinderstube beschert. „Auf die Erde voller kaltem Wind / kamt ihr alle als ein nacktes Kind“ – reimt Bert Brecht über die Menschen. Die Lämmer werden immerhin mit einem Fell geboren, das von den Müttern trocken geleckt wird, wenn ihnen Kälte und Nässe eine Chance lassen. Gesunde Neugeborene können zwar auch Frostnächte überstehen, aber wenn Bodenfrost droht, kontrolliert Florian vor Mitternacht und dann noch einmal vor Sonnenaufgang die Herde, stapft mit Gummistiefeln die Netze entlang und leuchtet mit einer starken Taschenlampe die Wiese aus. Packt die Lämmer, die protestierend nach den Müttern rufen, an den Vorderbeinen und bringt sie mit den hinter ihm folgenden Müttern in den Hänger. Fährt sie in den trockenen Stall und bringt sie für die ersten Tage in die Einzelbucht, bis Mütter und Lämmer sich Geruch und Stimme unvergesslich eingeprägt haben. Draußen schlägt währenddessen der Regen an die Stallwand. In den Fussgängerzonen zerrt der Wind an den Lichterketten in den Weihnachtsbäumen. Das Fernsehen zeigt die Bilder einer Welt, die aus den Fugen ist. Auf der Erde gibt es mehr denn je zuvor Flüchtlinge, für die kein Platz in der Herberge ist. Aber immer noch gibt es auch die Hirten auf dem Felde, die ihre Krippe anbieten und Schutz geben vor der Kälte des Universums und der Menschen. Noch ist die Erde ein Stern, auf dem Herodes nicht gesiegt hat.

Eine gute Weihnachtszeit wünscht Euch Florian und das Team der Ruhrschäferei

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Aktualisiert: 05.12.2016 22:13:41