Hirtenbrief #12

Bauernregeln im Laufe der Zeit:

WER BIENEN HAT UND SCHAFE - VERDIENT SEIN GELD IM SCHLAFE

versus:

MIT SCHAFEN UND MIT BIENEN - DA KANN MAN NICHTS VERDIENEN

Aus dem Handbuch: FRAGWÜRDIGE KALENDERSPRÜCHE FÜR DEN LANDMANN

Sterkrader Heide

Sonntagsmorgens am Emscherdeich. Die Herde steht kurz vor der Essener Stadtgrenze. Am Abend soll sie knapp zehn Kilometer weiter nördlich in Oberhausen auf der Sterkrader Heide weiden. Florian, Till und Michael werden, unterstützt von den Hunden, die Herde begleiten. Auch Tina und die einjährige Juma im Rucksack werden das erste Stück dabei sein. Gregor fährt das Begleitfahrzeug mit Transporthänger. Michael, der wie immer mit seiner hirtengeschichtlich radikal neuen und weiterhin einzigartigen Tretrollertechnik die Nachhut bildet, findet, dass die vorab zu klärende Shuttle - Logistik, d.h. wer mit welchen Fahrzeugen an welchen Einsatzstellen in welcher Reihenfolge was oder wen wann wohin transportiert mal wieder von grenzwertiger Komplexität ist. Es dauert ein wenig, bis der Tross aufbricht. Netze müssen zusammengerollt und eingepackt, das Weidezaungerät und die knapp 40 Kilo schwere Batterie verladen werden. Dann lockt Florian mit den bekannten Rufen die Herde und langsam setzen sich die Tiere in Bewegung.

Die Emscher führt kein Hochwasser, deswegen ist die Strömung zwar langsamer, aber dafür sind die Ufer höher und steiler. Ein ins Wasser gefallenes Schaf würde sich nur schwer wieder an Land retten können. Deswegen bleiben die Hunde an der kurzen Leine - zu groß wäre das Risiko, dass bei einer kurzen Nachsetzbewegung Schafe über den Uferrand ins Wasser getrieben würden. Wie üblich bleiben zwar immer wieder Schafe zurück, um am Rand irgendwelche besonders leckeren Kräuter zu naschen, aber wir lassen sie gewähren, bis sie von sich aus nachkommen. Druck und Hektik - im Umgang mit der Herde ohnehin in der Regel unangebracht - sind so nahe am Fluss tabu.

Hinterm Deich wird der Gasometer mit der meterhohen Ankündigung der gerade gezeigten Ausstellung sichtbar: „Wunder der Natur“ über dem Augenpaar eines unserer evolutionären Familienangehörigen. In Verbindung mit der Schafherde auf der Deichkrone davor ergibt sich ein ruhrgebietsspezifisches Panorama der besonderen Art - ein veritabler Eyecatcher und einmaliger Auftritt, der noch der exklusiven Nutzung durchs Regionalmarketing harrt.

Vor der nächsten Brücke haben zwei Schafe begonnen, zu humpeln, eins davon legt sich zwischendurch hin. Offensichtlich muss der Hänger her. Per Handy wird Gregor informiert, der am komplett umzäunten Emscherufer das nächste Tor sucht und findet und an der Straße mit geöffneter Ladeklappe auf die Schafe wartet. Die Herde wird angehalten und verteilt sich am Deich. Florian fängt die beiden Fußkranken heraus. Sie werden die Böschung hochgewuchtet und in den Hänger verfrachtet. Leider sind wir schließlich so hinterm Zeitplan, dass wir jemanden verpassen, der unter der A42 auf uns gewartet hat. Der Alltag des Schäfers ist planen und dann neu planen, weil ungeplant irgendein Malheur passiert, wovor im weiteren Verlauf ein neuer Plan aber auch nicht dauerhaft schützt. Eine Schafherde, wiewohl scheinbar lammfromm, ist nicht frei von einem latenten Hang zur Anarchie.

Kurz danach ist die HOAG - Trasse erreicht, die alte Kohletransportstrecke zwischen Sterkrade und Rheinhafen. Jetzt ein so gut wie autofreier Weg für Spaziergänger, Radfahrer, Jogger und andere Müßiggänger.. Das erste Stück verläuft, nur von ein paar Büschen getrennt, parallel zur Bahnstrecke. An der rechtwinkligen Querung von Trasse und Schienen durch eine Straße wird es vorübergehend heikel.

Die Bahnschranken - parallel zwischen Weg und Schienen - sind geschlossen. Der Autoverkehr ist gestoppt, aber einige Schafe verlassen ungefragt die Herde und laufen ohne Vorankündigung hinter einen Zaun in Verlängerung der Schranken. Zwei Meter bis zu den Geleisen, während der Zug sich nähert. Um zurückzukommen, müssten sie in Gegenrichtung zur Herde um den Zaun herumlaufen. Also von der Herde weg, um zur Herde hinzukommen. Der Psychologe nennt das eine paradoxe Intervention. Nicht einmal bei einem unvermittelt seines Navis beraubten homo sapiens könnte die geistige Beweglichkeit für ein solches Wendemanöver heute noch generell vorausgesetzt werden. Schon gar nicht unter Stress.

Auch mit Troll an der Leine sind die Schafe nicht zurückzudrängen und brechen, um die Herde zu erreichen, mehrfach wieder schienenseitig durch. Angesichts des sich rapide nähernden Zuges heisst das: Rückzug und demonstrative Ruhe. Unmittelbar danach rauscht der Zug an den Schafen vorbei. Florian kommt und hebt die Schafe schließlich über den anderthalb Meter hohen Zaun. Der Magnetismus der Herde hat die abtrünnigen Schafe in die richtige Richtung gezogen. Die Dissidenten verschwinden kommentarlos in der Herde, die in beschaulichem Trott weiterzieht. Nichts passiert.

Am Malakowturm der Zeche Sterkrade gibt es eine kurze Essenspause für Schafe und Menschen. Dann geht es die Rampe hoch zur Weierstraße, der nächstgelegenen Möglichkeit, die Schienen per Brücke zu überqueren. Die ebenerdige Passage eines Bahnübergangs ist ein adrenalinsteigerndes Spezialkunststück, das wir nicht erst nach dem Erlebnis von gerade uns und den Schafen, wenn irgend möglich, ersparen. Nicht wenig Verkehr auf der Straße, aber nach ein paar hundert Metern schwenkt die Herde ein in den Volkspark. Irgendetwas irritiert sie dort nach ein paar Metern, sie wollen minutenlang nicht weiter und Florian muss immer wieder locken, bis sie dann schließlich doch kommen. Wegen der nahen Gleise bleiben auch hier die Hunde an der Leine.

Die Kommunikation zwischen den Arten ist lückenhaft und gibt Rätsel auf. Nicht nur die Schafe, auch Michaels weiße Hündin, Biauka bleibt ab und zu, nicht an der Herde, aber anderswo ohne ersichtlichen Grund an scheinbar unauffälligen Stellen zurück und rührt sich nicht vom Fleck. Wiewohl ansonsten ein durchaus ansprechbarer und zugänglicher Hund, blickt sie leicht besorgt an ihm vorbei auf irgendetwas Obskures hinter ihm und ist weder mit Rufen, noch mit Gefühlsausbrüchen, noch mit der Original Bundesliga - Schiedsrichterpfeife Fox 40 Classic zu bewegen, ihm zu folgen. Ihr Blick scheint zu sagen: Siehst du es nicht? Lass uns umkehren, bevor Schlimmeres geschieht. Was geht in ihr vor? Sieht sie Geister? Trifft sie sich mit ihren Ahnen? Kann sie Mobilfunkwellen sehen und schwachsinnige Handygespräche verstehen? Wir wissen es nicht.

Die Herde zieht weiter durch den Park und einige Nebenstraßen bis zum renaturierten Teil des Reinersbachs, der vom Rotbach kommt und von der Fernewaldstraße bis zur Holtenerstr die gesamte Sterkrader Heide durchzieht. Zum Umbau des Emschersystems gehört als Voraussetzung die Trennung von Gebraucht - und Regenwasser. Der in Zukunft mit 2,80 Meter hohen Rohren versehene unterirdische Bereich für die Abwässer wird zur Zeit in vierzig Meter Tiefe in einer unsichtbaren technischen Meisterleistung im sogenannten bergmännischen Vortrieb erstellt. Das Ruhrgebiet mit der ihm eigenen, aber unangebrachten Bescheidenheit stellt hier wie so oft sein Licht unter den Scheffel und baut quasi seine Pyramiden unter Tage. Dieses Rohrsystem wird das jetzt oberirdisch verlaufende Gebrauchtwasser der Emscher aufnehmen. Als ökologische Aufwertungsmaßnahme, insbesondere aber zur Reduzierung der Abflussbereitschaft in der Fläche, d.h. um möglichst geringe Wasserstandspitzen zu ermöglichen, werden zur Zeit an vielen Stellen im Zuflusssystem der Emscher Gelegenheiten für Versickerung und temporäre Regenwasserzurückhaltung geschaffen. um den zukünftigen Emscherlauf zu entlasten. Der neu gestaltete Reinersbach ist Teil dieses Aufnahmesystems.

Nachdem wir eine fahrrad- und schafherdenunfreundliche Querbarriere passiert und die Straßen hinter uns gelassen haben, empfängt uns aus einem Garten der entzückte Ruf:“ Wie cool ist das denn! Schafe! Wo wollt ihr denn hin?“ Es geht weiter am Bach entlang bis zum Bachsteig, einem etwa zwei Meter breiten, nach beiden Seiten mit Sichtbarrieren versehenen Weg zur Überquerung der A516. Die Schafe reagieren wenig begeistert. Z.T geriffelte Stahlplatten am Boden, das Geräusch der Autobahn, die sie hören, aber nicht sehen können. Erst werden sie langsamer, dann bleiben sie vor Ende der Gangway einfach stehen. Weder schieben noch locken nützt etwas. Die Leitschafe stehen im Stau und sind nicht erreichbar. Schließlich packt Florian das erstbeste Schaf am Kragen, befördert es ungefragt und ohne Einspruchsmöglichkeit zum Leittier und zieht mit ihm ein paar Meter voraus. Das überzeugt schließlich die Anderen. Wie bei Menschen gilt auch bei Schafen die alte Bauernregel für ängstliche und anpassungsbereite Gemüter: Folgen ist leichter als Führen. Zögernd kommen sie nach. Langsam löst sich der Stau und die Herde fächert aus auf die Wiese davor.

Noch eine Straßenquerung, ein Fußpfad und wir sind am Ziel, dem südlichen Teil der Sterkrader Heide. Die Fläche war einige Jahre ungehindertes Ausbreitungsgebiet für die Armenische Brombeere, einem der berüchtigten Neophyten. Sie hat hier flächendeckend ein mehr als mannshohes komplett undurchdringliches Dornengestrüpp entwickelt. Es ist rätselhaft, wie die hier heimischen Kaninchen - zweifellos mit eng angelegten Ohren - durch das Dickicht rennen können, ohne völlig zerkratzt zu sein. Ein Teil der Brombeeren ist vor kurzem mit schwerem Gerät abgeräumt worden. Die Schafherde soll dafür sorgen, dass die Fläche in Zukunft offen bleibt und ein artenreiches Biotop wiederentstehen lässt, das zahlreichen Gräsern und Kräutern Lebensraum bietet, statt der rabiat alles niederwuchernden Brombeere.

Insgesamt fünf Stunden hat der Marsch von der Emscher bis hierhin gedauert. Auch ohne Indianer und steile Felswände ist die Strecke nicht ohne Gefahren. Die Begleiteskorte ist froh, am Ziel zu sein und müde. Die Schafe untersuchen etwas mäkelig das Gelände nach zufriedenstellendem Futter. Gregor sucht einen autogängigen Zugang zum Gelände, dann bauen Florian und Till die Netze auf. Die beiden fußkranken Schafe im Hänger werden zwecks Behandlung und Beobachtung zum Stall gefahren. Weil die Fläche schafentwöhnt ist und von vielen Hundebesitzern besucht wird, holt Florian noch den Wohnwagen aus Neumühl. Die nächsten Nächte wird er bei der Herde schlafen.

Nachtgesang im Dschungel oder Wölfe im Hiesfelder Wald?

Abendlied, möglicherweise die heimische Zukunft betreffend: NUN BRINGT DER WEIH DIE DUNKLE NACHT, UND MANG, DIE FLEDERMAUS ERWACHT DER STALL BIRGT ALLES HERDENTIER DENN BIS ZUM MORGEN HERRSCHEN WIR! DIE STUNDE STOLZER KRAFT HEBT AN FÜR PRANKENHIEB UND SCHARFEN ZAHN. JAGDHEIL! UND KÜHN GEHETZT, GERAFFT: DAS DSCHUNGELRECHT IST JETZT IN KRAFT!

Freitagabend halb acht, bei Aldi an der Gemüsetheke. Ein schriller Alarmton ertönt. Kunden und Angestellte blicken sich irritiert an. Feueralarm? Einsturzgefahr? Rückwärtsfahrender LKW an der Ladenkasse?

Es ist dann aber nur Michaels Vorkriegshandy im Outdoor - Modus. Florian ist am Apparat: Ein Bauer hat angerufen. Die Herde - zum Zeitpunkt des Alarms im Rotbachtal - ist ausgebrochen, hat den Wald verlassen und zieht durch die Dunkelheit Richtung Strasse. Also keine Frühstücksbananen. Weil Florians Auto in der Werkstatt ist, bei Florian vorbei und dann zum Höhenweg.

Vorm Wald ist zunächst keine Herde zu sehen. Links nicht. Rechts auch nicht. Schließlich, nach Absuchen mehrerer Wiesen, findet Florian sie jenseits einer Buschreihe kurz vor der Straße in einer offenen Pferdekoppel. Die Tiere sind völlig panisch, lassen sich zunächst auch von Florian nicht ansprechen. Ayla übernimmt die hektische Stimmung und steigert sie noch durch zwei, drei unsinnige Interventionen in der Dunkelheit, bis sie von Florian auf Linie gebracht wird. Er lockt die Herde, während Troll an der kurzen Leine vorsichtig Druck von hinten aufbaut. Langsam bewegen sich die Leitschafe zu Florian und allmählich folgt die Herde über die nächtlichen Wiesen und eine schmale Brücke in den Wald. Mit ohrenbetäubender Lautstärke - Mütter suchen die Lämmer, Lämmer suchen die Mütter und plärren dabei aus vollem Hals - sortiert sich die Herde neu und zieht dabei den Waldweg entlang bis zur Lichtung mit der Koppel. Florian öffnet die Netze und die Herde verteilt sich auf der Waldwiese. An einer Stelle ist der Zaun von außen nach innen eingedrückt. Entweder ein Hund oder Wildschweine. Aber die Panik in der Herde und die Strecke die sie geflohen ist, spricht für einen Hund. Soweit wir das in der Dunkelheit sehen können, ist keines der Schafe verletzt. In der Ferne sieht man die freilaufende Kopflampe des Jagdpächters, der in großem Bogen zwischen den Bäumen zu seinem Jeep zurück kehrt. Nach dem Heidenlärm, den die Herde veranstaltet hat, ist der komplette Wald fürs erste auf Alarmstufe Rot und für den jagdlichen Blick unergiebig.

Nur langsam kehrt wieder Ruhe ein und die Schafe bieten ein idyllisches Bild auf der mondbeschienenen großen Lichtung im Wald. Die Silhouette der Baumwipfel vor den ziehenden Wolken kontrastiert mit der Schwärze darunter. Wieviel Augenpaare mögen uns und die Schafe wohl aus dem Dunkel der Stämme beobachten? Im milden Mondlicht überlässt der Hilfsschäfer sich seinen noch unzeitgemäßen Gedanken.

Fledermaus und lautlos jagende Greifvögel geistern zwar auch hier durch die Nacht. Ganz gewiss ist das Rotbachtal aber zur Zeit noch kein Dschungel, und Rudyard Kipling weder jetzt noch jemals der Herrmann Löns der Hohen Mark.

Ihn ereilte, was er wirklich nicht verdient hat, das beklagenswerte Schicksal, als wehrloser Toter der Walt Disney Company in die geldgierigen, aber geschmacklosen Finger zu fallen. Die Folge: eine Schneise der ästhetischen Verwahrlosung. Das kulturpolitische Fachblatt NRZ liess ihn, der immerhin Träger des Literaturnobelpreises war, jüngst kurzerhand im Schwarzen Loch der herrschenden 140 - Zeichen - Legasthenie verschwinden: Von wem ist das Dschungelbuch? Von Walt Disney. Und Winnetou l bis lll vermutlich von Lex Barker.

Noch ist das Dschungelrecht bisher im Rotbachtal nicht in Kraft. Gleichwohl wollen Nabu und der Oberhausener Stadtförster ein Wolfsrudel im Hiesfelder Wald für die Zukunft nicht auschliessen. Prankenhieb und scharfer Zahn waren heute abend nicht am Werk. Aber der Stall birgt hier keineswegs alles Herdentier - was bezogen auf die Herde der Ruhrschäferei auch definitiv so bleiben soll. Und zur Zeit ändern sich in Wald und Feld 150 Jahre alte Üblichkeiten mit großer Geschwindigkeit. Noch vor kurzem war NRW nur Wolfserwartungsland - ein zwischen Sehnsuchtsort und Drohung oszillierender Begriff, der sich auf eine quasi jenseitige Wirklichkeit bezog. Wölfe gab es weit, weit weg in der Lausitz, da wo Sachsen, Sorben und andere Mongolen wohnen.

Ausgerechnet zum Osterfest wurden nun zwei Ziegen im Kreis Lippe von einem Wolf gerissen dokumentiert von einer Videokamera, nachdem kürzlich ein Rüde bei Siegen per Fotofalle gesichtet wurde. Von da bis zum Rand des Ruhrgebiets läuft ein Wolf in einer Nacht.

Till findet, dass sein Vater zu viel Grimms Märchen gelesen hat und möglicherweise als Kind zu früh allein im Wald war. Kein Wolf würde quer durchs Ruhrgebiet laufen. Wogegen sein Vater behauptet, sicher sei allenfalls, dass Till das nicht merken würde. Außerdem reiche es, wenn er drumherum lauft. Der Wolf ist nicht nur die Verkörperung purer Wildnis, sondern auch intelligenter Kulturfolger Er braucht nicht zwingend unberührte Wälder. Ausgedehnte Maisfelder als üppige Schalenwildhabitate tun es zwischendurch auch. Die Natur ist die immerwährende Gestaltwandlerin und der Wolf ihr gelehriger Schüler. Und wer z.B. außerhalb der gemeinnützigen Arbeitsgruppe „BERLIN - brauchen wir das wirklich? “ hätte gedacht, dass Berlin sich vom Narrenschiff der Hipster zur Hauptstadt der Wildschweine entwickeln würde?

Noch harrt dieser innerfamiliäre Fachdialog seiner Klärung. Wie lange wird sie auf sich warten lassen?

Die ersten Schafe beginnen, sich hinzulegen. Der Hilfsschäfer verlässt den Schatten der Buchenreihe. Der Mond verschwindet hinter dunklen Bäumen. Wir rufen die Hunde und gehen durch den Wald zurück.

Fernewaldstraße

Nach 10 Tagen hat die Herde den nördlichen Bereich der Sterkrader Heide erreicht und beweidet die Grünfläche, die an die Fernewaldstraße angrenzt. Ayla lässt die Schafe nicht aus den Augen und startet auf hundert Meter durch, wenn sie meint, die Furche - so nennt der ausgebildete Hütehund die Grenze, die die Schafe nicht überschreiten dürfen - werde nicht ausreichend respektiert. Hinter der Straße türmt sich die Prosper - Haniel - Halde auf, deren Gipfelkreuz man von der A2 aus sieht. Bergmännisch handelt es sich zur Verwunderung des Revierbesuchers bei dieser Erhebung nicht um einen Berg, sondern um die Berge, womit alles gemeint ist, was keine Kohle ist, aber auch mal 1000 Meter tiefer gelegen hat und sei es ein abgerissener Druckluftschlauch.

Oben auf dem Haldenplateau bekommt man bei windigem Wetter zwar ganz wie auf dem ungefähr gleich hohen Dach des Gasometers Ohrensausen, sieht aber bei weitem nicht nur Oberhausen, was ja zweifellos auch schon sehr schön ist, sondern auch Bottrop, Schmachtendorf, das Rotbachtal und den Hiesfelder Wald, die Zeche Prosper - Haniel und deren gegenwärtigen Kippbereich, das Landschaftsbauwerk Schöttelheide, das noch weiterhin gen Himmel wächst.

An seinem unteren Rand stand bis zur Jahrtausendwende das Gut Fernewald, eine mustergültige Hofanlage, entstanden um 1930, nachdem das Venn mit dem sumpfigen Fernewald von der Forstverwaltung der Gutehoffnungshütte trockengelegt worden war. Für die Haldenerweiterung musste es schließlich weichen. Weichen muss im Jahr 2018 schließlich auch die letzte Zeche des Ruhrgebiets, Prosper - Haniel. Dann wird die montanindustrielle Umwälzung der Landschaft, die im Wortsinn das unterste zuoberst gekehrt hat, soweit absehbar auch hier zum Abschluss gekommen sein. Verschwunden sein werden dann Venn und Fernewald, Gutshof und Zeche und mit ihr fast zwei Jahrhunderte der Kohleförderung im Revier. Bleiben werden zwei Landschaftsbauwerke, Haniel und Schöttelheide, die die Natur in ihrer gleichmütigen Unaufhaltsamkeit wieder in Besitz genommen hat. Eine Zeitlang wird noch salziges Wasser aus den Bergen in die Emscher fliessen und eine Generation später werden nur noch wenige wissen, welche Geschichte diese Hügel verbergen.

Die Herde der Ruhrschäferei wird die Fernewaldstraße nicht überqueren. Sie ist am nördlichsten Punkt ihrer Wanderung angekommen. In einigen Tagen wird sie durch den Sterkrader Wald zurückkehren zum Stall an der Biotopfläche in Holten. Dort wird sie am nächsten Tag geschoren. Am Morgen darauf zieht sie noch einmal für zwei Tage zum Emscherdeich. Danach wird der Ingenhammshof seine Obstwiese als Übernachtungsstation zur Verfügung stellen, bevor die Schafe zum längsten Trail aufbrechen, dem Weg über Ruhrort und die Rheinbrücke den Leinpfad entlang nach Rheinhausen. Auf den Obstwiesen und schließlich auf der Rockelsberghalde in Hochemmerich werden sie die folgenden Wochen verbringen, bevor der Marsch nach Norden von neuem beginnt.

Es hat den ganzen Tag immer wieder geregnet. Eigentlich ganz normales Aprilwetter, nur ein bisschen kühl. Für heute ist es genug. Florian ruft die Herde und zieht am Reinersbach entlang zum Nachtpferch. Die Schafe sind satt. Nachdem sie eingepfercht sind, legen sich die ersten hin. Die Herde vor dem frischen Laub der Büsche. Ein friedliches Bild., alles im grünen Bereich. Florian öffnet die Heckklappe, die Hunde springen ins Auto. Zeit fürs Abendessen.

Frühlingsgrüße an euch alle von Florian und dem Team der Ruhrschäferei

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Aktualisiert: 05.12.2016 22:29:46