Hirtenbrief #13

Schäfers Alltag

Früher Morgen. Florian fährt zur Herde. Die Schafe blöken empört als er kommt. Ihrer Ansicht nach gibt es auf der ganzen grünen Wiese nichts mehr zu fressen. Michael hält ihnen das Leben von kroatischen Schafen vor, die auf verkarsteten Böden ihr kärgliches Futter suchen und offenbar auch finden. Aber die Merinos sind uneinsichtig. Sie wollen weg hier. Florian weiß, wenn er morgens zu spät kommt, ruft ein freundlicher Polizeibeamter an und bittet, die Herde an der nächsten Hauptstraße wieder einzusammeln, weil sie selbständig auf Futtersuche gegangen ist. Deswegen geht es heute weiter. Keine lange Strecke, nur zwei, drei Kilometer.

Florian baut drei Netze ab, rollt sie zusammen und wirft sie ins Auto. Dann schleppt er mit Gregor die LKW - Batterie über die Wiese und packt sie zu den Netzen. Er ruft die Schafe, die erst zögernd, dann schneller werdend folgen Es geht über ein Stück Straße, wenig befahren. Florian vorne, mit Loni am Bandelier. Ayla pendelt vor den Schafen permanent von links nach rechts und zurück, um die Herde daran zu hindern, Florian zu überholen. Hinter der Herde Michael mit seinem berüchtigten Tretroller. Gregor sichert mit dem Schlussfahrzeug mit Transportanhänger nach hinten. Er hat die für die Strecke noch zu junge und undisziplinierte Luna im Auto, die sich maßlos aufregt, weil sie die Herde sieht, aber nicht raus darf. Ansonsten kein Problem. Nur ein ungeduldiger Paketdienst, dessen Navi nicht begreift, dass es eine einfache Umgehungsmöglichkeit gibt. Aber wir biegen bald nach links ab in einen von Bäumen flankierten Weg, dahinter Wiesen mit buschigen Rändern. Ein zauberschöner Herbsttag, kühl und sonnig und das Laub schon gelb.

Auf der Weide nebenan kommen drei neugierige Rinder angaloppiert und laufen hinter dem Zaun neben der Herde her. Schöne Tiere mit schönen Hörnern. Manchmal wird das Selbstverständliche bemerkenswert. Die meisten Kühe sind längst enthornt; diese nicht. Ayla, die zur Seite ausgeschert ist, sieht sich plötzlich von drei Tieren bedrängt, die ihr eindeutig zu groß sind. Mit einem eleganten Haken geht sie auf Abstand. Die Ablenkung hat einigen Schafen gereicht, um in die Zufahrt zu einer offenen Wiese einzubiegen, die offenbar sehr attraktives Futter bietet. Überraschend schnell drängt die Herde hinterher und ergießt sich auf die Fläche bis zur weit hinten liegenden Hecke.

Florian gibt ein kurzes Kommando. Ayla startet durch. In einem schnellen, weiten Bogen bis hinter die Herde, die schnell die Richtung wechselt und nach zwei kurzen nachsetzenden Attacken von Ayla zurückströmt auf den Weg.

Weiter geht es über gefallenes Laub die Allee entlang. Manchmal gehen die Schafe nicht weiter und bleiben unter Eichen stehen, weil reichlich Eicheln am Boden liegen. Ein sehr begehrtes Zubrot. Biauka, die weiße Hündin, demonstriert ihren gleichmütigen Herdenschutzhundcharakter. Sie ist eindeutig kein Hütehund. Schafe zu scheuchen liegt ihr fern. Sie läuft farblich unauffällig in der Herde mit. Wenn ihr das Gedränge zu groß wird, knurrt sie die Schafe an, was diese allerdings nicht ernst nehmen. Wenn es ihr zu bunt wird, dreht sie sich um und rennt nach hinten. Das veranlasst dann allerdings einige Schafe doch, ein paar Meter weit nach rechts und links zur Seite zu preschen .

Kurz danach biegt die Herde in den Wald ein zu einer Wiese auf einer märchenhaften Lichtung. Es ist davon auszugehen, dass alle Feen und unfrommen Nachtgestalten sich bei Mondschein hier versammeln. Die Wildschweine waren schon da. Der Boden ist großflächig aufgegraben. Während Florian die Netze aufstellt und die Batterie anschließt, verteilt die Herde sich auf der Wiese. Angekommen.

Mittags bringt er einen Hänger mit einer Tonne Kartoffeln in den Wald., den er über schlammigen Untergrund rückwärts an die Wiese setzt. Pro Schaf und Tag bekommt die Herde einen Kilo Kartoffeln als Zusatzfutter, macht rund 170 Kilo. Mit Eimern verteilt er die Kartoffeln auf der Fläche.

Als er mit der Fütterung fertig ist, stellt er fest, dass ein Hängerreifen platt ist. Das ist misslich. Der Standardwagenheber erweist sich als hoffnungslos überfordert. Der angeforderte Autoclub ist ein Stadtkind, kann nur Asphalt und weigert sich grundsätzlich, in den Wald zu fahren. Der gutgläubige, aber ahnungslose Autofahrer weiss das nicht, wiegt sich in trügerischer Sicherheit und wähnt sich in seinem Autoclub in Abrahams Schoss. Aber in Wirklichkeit gilt die erweiterte alte Weisheit der Seefahrer und Juristen: Auf hoher See, vor Gericht sowie im Wald und auf der Heide bist du in Gottes Hand.

Die hilft Florian nun gerade nicht weiter. Also zu ATU, um einen hydraulischen Schwerlastheber zu kaufen. Zurück in den Wald ,um den Hänger anzuheben, was tatsächlich funktioniert. Allerdings taucht das nächste Problem auf: Eine Schraube der Radbefestigung ist rundgedreht. Mit Bordmitteln keine Chance. Also zur KFZ - Werkstatt, die ihn freundlicherweise mit entsprechend gewalttätigen Rohrzangen und Hebelstangen ausrüstet. Zurück in den Wald. Inzwischen dämmert es. Im Restlicht lässt sich die Schraube tatsächlich lösen und das Rad abnehmen. Noch ein Blick auf die Schafe, ein zweiter auf Batterie und Netzspannung und ab zum Reifenhändler. Der Hänger muss die Nacht auf nur einem Rad im Wald verbringen. Noch einmal zum Stall, Ponys versorgen. Dann ist Feierabend.

Am nächsten Morgen erst zum Reifenhändler, dann in den Wald, das Rad befestigen. Die Herde hat die Nacht offenbar problemlos mit den Wildschweinen verbracht. Von den Elfen keine Spur. Als die Schafe Florian sehen, kommen sie blökend über die Wiese. Das Rad ist ihnen völlig egal. Das einzige, was sie interessiert, sind die Kartoffeln.

Troll

Troll, der Schafpudel, der als Welpe schwarz war wie die Nacht und der Größte unter seinen Geschwistern, in seiner Kindheit erzogen von der grimmigen Hovawarthündin Ronja und dann zwei heiße Sommer und zwei kalte Winter lang ausgebildet von Florian im Sand der Senne und von Simone zwischen den Wassergräben des Diepholzer Moors, Spross einer Hütehunddynastie aus grauer Vorzeit, Nachfahre der DDR - Hütearistokratie und Sohn der letzten Hundert seiner Art, die den Untergang der LPG - Schäfereien überlebt hatten; ein Hund ,dessen Treue und Tapferkeit alles übertraf, was wir von Hunden und Menschen kannten - Troll, der steingraue Begleiter in Sonne, Nacht und Nebel ist tot.

Nie haben wir erlebt, dass er vor irgendetwas Angst hatte, ein Hund, der weder Tod noch Teufel fürchtete, nicht die Hörner eines Ziegenbocks und nicht die Rammstöße eines Schafbocks. Friedfertig, aber wenn es ihm geboten schien unversehens verwandelt in eine langhaarige Furie im blitzschnellen und heftigen Angriff, kannte er keine Furcht vor Schafen, Hunden, Menschen und Unwettern und auch nicht vor dem irregewordenen Heidenlärm, mit dem die Menschen das neue Jahr beginnen. Ein Hund, auf den man sich verlassen konnte, wie auf niemanden sonst, der geduldig wartete und der da war, wenn man ihn brauchte, unermüdlich und schaffiebrig bis in sein letztes Lebensjahr hinein. In seiner Jugend ein übermütiger Zauberer, vor dem keine Tür sicher und ein Springteufel, dem kaum ein Zaun zu hoch war. Der mit ein paar Dutzend Schafen unterfordert war, aber der außer sich vor Begeisterung alleine tausend Heidschnucken hütete. Der es liebte, vom Rücksitz des Autos aus Michael den Kopf auf die Schulter zu legen und mal träumend, mal neugierig die Landschaft vorbeifliegen zu lassen. Troll, der 15 Jahre lang erst Florians, dann Michaels eigenwilliger Schatten war, ist zurückgegangen in die kosmische Nacht. Im Sommerwind und im Regen, im Herbststurm und im Nebel der Dämmerung begleitet uns seine Energie, aber die Tage sind ohne ihn weniger bunt und die Nächte dunkler. Never fades his glory.

Ja, mach nur einen Plan

Seit einiger Zeit wurde der Besucher am Stall von zwei neuen Mitarbeitern der Ruhrschäferei begrüßt: Jerry und Zottel. Mit langer Mähne und hochgestellten Ohren interessierten sie sich für alles, was um sie herum passierte. Am ersten Tag vor allem für die Hühner, die sie offenbar nicht kannten, aber auch alles andere, was sich bewegte oder nach Heu oder Möhren schmeckte. Wunderschöne Ponyhengste, die ihr Leben bisher in einem kleinen Zirkus verbrachten, wo sie anscheinend eine behütete, aber anregungsreiche Kindheit verbrachten, weswegen sie jetzt mit ihren drei Jahren immerhin das Basis - ABC der Ponyschule beherrschten: Halfter anlegen lassen, Hufe säubern lassen, Satteldecke und Geschirr akzeptieren, mitkommen. Das kann man nicht generell voraussetzen. Vor Jerry und Zottel gab es andere Aspiranten, aufgewachsen in beklagenswert bildungsfernen Biotopen, deren kommunikative Kompetenz man allenfalls als widerborstig bezeichnen konnte.

Die beiden Ponys, vom Phänotyp her edel und heißblütig, - so etwas schenkt der Zahnarzt seiner Tochter, wenn sie ins Ponyhofalter kommt - tragen genotypisch das raue Erbe der Shetlandinseln mit sich: zäh, futtergenügsam, angepasst an Wind und Wetter atlantischer Herbststürme. Ihre Aufgabe sollte darin bestehen, im Winter der Herde Kartoffeln und anderes Zusatzfutter auf die dann oft nassen Wiesen zu bringen, die mit Kraftfahrzeugen dann unbefahrbar sind, es sei denn man ruiniert Kupplung und Grasnabe .

Die ursprünglich auch in Erwägung gezogenen und von Schäfern traditionell oft eingesetzten Esel wurden aus zwei Gründen verworfen: Esel, die bekanntlich einen mediterranen bis vorderasiatischen Migrationshintergrund haben, bekommen in unseren Breitengraden auf den meist weder steinigen noch sandigen, sondern oft etwas feuchteren Wiesen eher Probleme mit den Hufen. Und sie haben darüberhinaus einen weiteren Nachteil, der ihrer Integration in die urbane Umwelt hinderlich werden kann : sie können oft und erschütternd laut schreien.

Für die Ruhrschäferei, deren Herde sich auf wechselnden Flächen des Reviers aufhält und die im Siedlungspatchwork der Region auch regelmäßig am Rande von Wohnbebauung gastiert, ist dies eine misslicher Charakterzug. Das Eintreffen der Schafe auf ihrer jährlichen Rundtour wird von den Anwohnern in aller Regel mit gezückten Kameras, interessiert - freundlichem Nachfragen und lächelndem Mitbringen lächelnder Enkelkinder begrüßt. Unsere Befürchtung war, dass nach der dritten durch exzessive Eselschreie verursachten schlaflosen Nacht die Akzeptanz der Nachbarn einer leicht gereizten Humorlosigkeit weichen könnte. Also keine Esel, sondern Deutsche Classic Ponys, auch wenn diese zwar Ponys, aber genau genommen weder Deutsch noch Classic sind.

Das war der Plan. Nicht nur für Schäfer, sondern für das menschliche Streben insgesamt gilt allerdings ab und zu die höhnische Maxime von Bertold Brecht aus der Dreigroschenoper:

Ja mach nur einen Plan.
Sei nur ein großes Licht.
Und mach noch einen andern Plan.
Gehn tun sie beide nicht.

Wenig später, just am Tag des Patenfestes, outete sich der soeben für nicht wenig Geld TÜV - abgenommene Pferdeanhänger mit qualmenden Reifen als Ruine auf Rädern und wirtschaftlicher Totalschaden.

Derartige Widrigkeiten werden bekanntlich in der modernen Betriebspsychologie mit dem nervtötenden Euphemismus „Herausforderung“ geadelt, die unter Beibehaltung eines mental ausbalancierten Flow-Zustandes reibungslos zu entsorgen ist. Schreibtisch zerhacken gilt dagegen als uncool.

Dementsprechend versuchten wir mit kühlem Kopf unter Abwägung aller Umstände eine der aktuellen Lage des Betriebs angemessene Entscheidung zu treffen. Leider heißt sie: Wir werden uns von den Ponys wieder trennen und es fürs erste ohne versuchen. Sehr vernünftig, aber schade. Manchmal besteht der Reiz des Lebens in einem gewissen Maß an Unvernunft.

THE HISTORY OF MAN IS THE HISTORY OF SHEEP.
M.L.Ryder: Sheep & Man

Hirtenökonomie oder: Das verborgene Geheimnis der antiken Kultur

Leuchtend ist seit den Tagen der Renaissance das Bild, mit dem die Antike aus den Zeiten jenseits der mittelalterlichen Dunkelheit zu uns herüber scheint. Nicht für alle, aber immerhin für einige von denen unter uns, die in der Schule mit lateinischer Grammatik traktiert wurden und dabei die Gelegenheit bekamen, die Briefe des Cicero zu übersetzen, Caesars hemmungslose Selbstbeweihräucherung bei der Darstellung des gallischen Kriegs zu lesen und die Fabel vom verlogenen Fuchs, dem angeblich die Trauben zu sauer waren. Oder die bösartige Geschichte des Ovid über die lykischen Bauern, die das Wasser privatisieren wollten und deswegen in Frösche verwandelt wurden. Eine frühe Warnung an die Akteure neoliberaler Wirtschaftskonzepte.

Die Bewunderer korinthischer Säulen und römischer Aquädukte buchen zuhauf Städtereisen, um sich die steinernen Reste anzusehen. Die Besucher der griechischen Tragödie im Stadttheater, die Professoren für römisches Recht an den Jurafakultäten und an den Militärakademien die Stabsoffiziere, die die römische Kriegskunst analysieren, nicht zu vergessen die Oberstudienräte und VHS - Dozenten für Latein, Griechisch und Alte Geschichte: Ihnen allen müssen wir sagen, dass ihr überkommenes Bild der Antike, so wie es der einfache Bildungsbürger gelernt hat, ergänzungsbedürftig ist. Es ist zu oft ein Torso mit ein - und ausdrucksvollem Kopf, der aber leider nicht einmal tönerne, sondern gar keine Füße hat.

Der von uns bewunderte Kosmos antiker Architektur, Literatur, Philosophie und Ethik ruhte wie die monotheistischen Wortreligionen des Morgen - und Abendlandes auf einem weit in die Morgendämmerung der Menschheitsgeschichte zurückreichenden Fundament: der Hirtenökonomie. Deren Darstellung kam im geistesgeschichtlich orientierten Lehrplan des humanistischen Gymnasiums wenig bis gar nicht vor. Das lässt den Verdacht aufkommen, dass die für die Curricula der höheren Lehranstalten zuständigen Schulbeamten weiland noch nicht einmal das Alte Testament gelesen hatten, in dem die herbe Realität eines Hirtenvolks in wahrhaft gewaltiger Sprache erzählt wird. Die Pastoralwirtschaft ist die ökonomische Grundlage der Königreiche, Stadtstaaten und Städtebünde die schließlich im Imperium Romanum aufgingen. Sie ist im Vorderen Orient entstanden und hat sich dann im gesamten Mittelmeerraum verbreitet. Mit Pastoralwirtschaft ist hier, um das gleich klarzustellen, nicht etwa ein Pastorenhaushalt gemeint, etwa das berühmte evangelische Pfarrhaus, sondern eine Ökonomie, deren Basis aus mobiler oder stationärer extensiver Viehhaltung durch Hirten besteht.

Im Anfang war keineswegs, wie die Bibel behauptet, das Wort, sondern die Naturweidewirtschaft. Später entwickelte sich, ohne dass damit die Konflikte zwischen Kain und Abel für alle Zeiten geregelt waren, eine höchst variationsreiche Kombination von Vieh - und Feldwirtschaft. Vor dem Bauern, der die Städte ernährte, war der Hirte. Weil auch nach der Entwicklung des Ackerbaus zahlreiche Flächen im mediterranen Raum nur über die Beweidung durch Vieh - in der Regel Schafe und Ziegen - für die menschliche Ernährung zu nutzen waren, blieb der Hirte eine tragende Hintergrundfigur der griechischen Stadtstaaten und des römischen Reiches.

Das gilt übrigens im Prinzip bis heute. Etwa 25 Prozent der globalen Landfläche werden wandernd oder sesshaft von Hirten durch extensive Naturweidewirtschaft genutzt. Der Hirte ist keine Figur, die einer untergehenden Produktionsform angehört. In Zeiten von durch Klimawandel sich ausbreitenden Trockensteppen wird seine Bedeutung noch wachsen.

Die Erde wird sich keineswegs in ein glyphosatgetränktes El Dorado aus Mais - und Sojafeldern, ergänzt durch profitable Palmölplantagen verwandeln, weil deren agrarindustrielle Ausbreitung nicht nachhaltig ist und die ökologische Gesamtbilanz weiter verschlechtert. Und wo Anbau ohne Rücksicht auf die sehr komplexen Anforderungen des Bodens versucht wird, treibt er statt dessen die Wüstenbildung voran.

Mit dem Wandel der Zeiten änderten sich dann die Vorstellungen darüber, was Kultur war. Zu Beginn war agri cultura die Kunst von Ackerbau und Viehzucht. Im Laufe der Zeit wurde Kultur dann zu einer Veranstaltung, die nicht mehr die Welt der meist abhängigen Landbevölkerung deutete. Aus dem Kult der Erde wurde der Himmelskult, auch wenn die Götter weiterhin auch auf der Erde wandelten und allerlei Unheil anrichteten. Aus der Agrikultur wurde die cultura animi, die Pflege der geistigen Dinge .Mit dem Diskurs der Ideen des Schönen, Guten und Wahren wurde Kultur eine Angelegenheit der gehobenen Schichten in den Städten. Für den Pöbel gab es parallel dazu Brot und Zirkusspiele, eine frühe Form des Privatfernsehens. Einher ging das wahrscheinlich mit einem gewissen Hochmut gegenüber dem niederen Volk und dessen ungehobelten Umgangsformen, wie man an dem bis heute andauernden Lamento der besserverdienenden Stände über die bildungsfernen Schichten sieht.

Die Abkehr von der jetzt als Idiotie des Landlebens empfundenen kulturellen Vergangenheit führte unmittelbar in eine spezifische Idiotie des Stadtlebens. Ein törichter Sinneswandel, weil er mit dem Preis der Ignoranz von Herkunft und Voraussetzungen der eignen Existenz bezahlt wurde Einige Jahrhunderte später wird die Kultur der Städte zerfallen und das römische Reich wird sich zurückverwandeln - manche sagen: flüchten - in eine Agrargesellschaft.

Nun könnte man zur Entschuldigung der idealistischen Schlagseite späterer Generationen von Geisteswissenschaftlern und Oberstufenlehrern vorbringen, dass die Überreste der agrarischen Lebenswelten der Antike dünn gesät und ihre Bedeutung deswegen leicht zu übersehen sei. Die Säulenreihe des römischen Pantheons sei nicht nur eindrucksvoller, sondern vor allem auch haltbarer als ein sizilianischer Ziegenstall.

Doch es gibt in Wirklichkeit zahlreiche steinerne und schriftliche Spuren sowohl in Städtebau und Landschaft als auch in den überlieferten Schriften, bei deren Betrachtung, sofern der ästhetische Blick nicht die niederen facts of life ignoriert, die grundlegende Bedeutung der Pastoralwirtschaft offensichtlich ist. Und auch schon ohne die Lektüre der hier exklusiv angekündigten, mit Spannung erwarteten historisch - kritischen Edition des nächsten Hefts von Asterix und Obelix (Asterix und der Lieferantenstreik des kalabrischen Hirtenverbandes im Herkulestempel von Tivol. Spartacus - Verlag, Pompeji MMXVII ) konnte der alltagsgeschichtlich orientierte Historiker wissen:

  • Die z.T. schon aus der vorrömischen Zeit stammenden bis zu 110 Meter breiten Triftwege quer durch Italien mussten im Laufe der Jahrhunderte - zeitweise unter Androhung übler Körperstrafen - in voller Breite freigehalten werden. Teilstücke davon sind in diesem eindrucksvollen Ausmaß bis heute erhalten. Die Autobahntrassen sind also keine Erfindung der Neuzeit; allerdings sind die Sanktionen für Verkehrsbehinderungen heute weniger rigoros. Augenfälliger und allgegenwärtiger Zeuge der Hirtenökonomie ist auch die durch Ackerbau, aber auch durch jahrtausendealte Beweidung geprägte italienische Kulturlandschaft.
  • Die im Stadtbild einiger Orte gänzlich oder in Fundamenten erhaltenen antiken Marktplätze bekamen ihre Ausdehnung und ihre Zugangstrassen wegen der Schafherden, die dort zum Verkauf zusammen getrieben wurden; desgleichen die z.T. mehrgeschossigen Markthallen einiger Orte. Sozusagen frühe städtebauliche Antworten auf innerstädtische Parkplatzprobleme, allerdings nicht für Autos, sondern für Schafe. Städtische Brunnen wurden vorgehalten als Tränken für die Herden, die von Stadt zu Stadt zogen. Schafherden gehörten bei Märkten und während der Trift im Frühjahr und Herbst zum städtischen Alltag In der Stadt Saepinum ist die in Stein gemeißelte Aufforderung an die Stadtverwaltung erhalten, beim Durchzug durch den Ort den Schutz der Herden sicherzustellen und Behinderungen und Belästigungen der Hirten und Schafe zu unterbinden.
  • Die griechischen und römischen Tempel, sofern sie Schauplatz großer Opferfeiern waren, mussten architektonisch so gestaltet werden, dass Platz für die Opfertiere, die Opferzeremonien und die Zerlegung der geopferten Tiere war. Man muss sich diese Feiern nicht als besinnliche Maiandacht von ein paar vergeistigten Kultadepten vorstellen, sondern als z.T.riesige Spektakel, die mit Sicherheit nicht idyllisch waren, sondern gemessen an unseren Üblichkeiten eher ein ziemlich haarsträubendes Event.

Nicht nur die Versorgung der Stadt Rom, sondern auch die logistische Versorgung der römischen Heere nicht nur mit Getreide ,sondern auch mit Fleisch, Käse, Wollprodukten und Leder war nur mit großen Herden im römischen Hinterland zu leisten. Sie erforderte eine umfangreiche hirtenspezifische Infrastruktur von Transport - und Wanderwegen, Futter - und Weideflächen, Stall - und Scheunengebäuden, Tränken, Metzgereien, Gerbereien und Käsereien .

- Und auch in Schrift und Sprache hat die Pastoralwirtschaft ihre Spuren hinterlassen: Neben den zahllosen diesbezüglichen Motiven in literarischen Texten gehört dazu das lateinische Wort für Geld = Pecunia. Pecunia kommt von Pecus, dem Wort für Vieh, insbesondere für Schafe und Ziegen. Reichtum wurde gemessen in der Zahl der Tiere, weil sie im Unterschied zu Immobilien ein bewegliches Gut waren, bevor sich die Münzwirtschaft ausbreitete.

Genug der Beispiele .Die Antike mit ihren philosophischen, literarischen, baulichen und politischen Errungenschaften war - um einen weiteren Begriff aus der Hirtenökonomie zu nehmen - ein Füllhorn menschlichen Erfindungsgeistes und künstlerischer, philosophischer und sozialer Entwicklungen. Aber dieser kulturelle Reichtum war nicht ein ätherisches Geschenk der Götter, das unversehens aus dem Olymp auf die Menschen niederkam, sondern er wurde im Schatten von Akropolis, Colosseum und Circus Maximus getragen von einer uralten und ökologisch angepassten Pastoralwirtschaft.

Es stimmt ein wenig melancholisch, dass die kulturell avancierten Stadtgesellschaften des Imperiums, als ihre Zeit vorbei war, zurücksanken in ihre agrarischen Ursprünge. Als das Überdauernde nach all der Zeit erwies sich die Hirtenökonomie, aus der sie sich erhoben hatten.

Lammzeit

In der ersten Adventswoche sagt Florian: Sobald es kälter wird kommen die ersten Lämmer. Drei Tage später, nach zwei Nächten, die die Gräser auf den Wiesen mit Raureif bedeckt haben und die Pfützen in den Traktorspuren mit einer dünnen Eisschicht, die knistert, wenn man sie betritt, stehen morgens die ersten beiden Mütter abseits der Herde :die eine mit einem Bocklamm, die andere mit zwei Zippen. Er füttert die Herde mit Kartoffeln, dann nimmt er erst das Bocklamm, dann die Zwillinge und trägt sie zum Hänger. Die Mütter sind erfahrene, sichere Tiere, die ihren Lämmern folgen und dabei zornig aufstampfen, wenn die Hunde zu nah kommen. Er bringt die Schafe zum Stall, streut die Buchten mit frischem Stroh ein und füllt die Raufen mit Heu. Die Lammzeit hat begonnen. Die Krippe ist fertig. Jetzt fehlt nur noch Weihnachten.

WÜNSCHE:

ALBERTINA SAGT: WENN ICH NOCHMALS ZUR WELT KOMME, MÖCHTE ICH EIN MANN SEIN.

GIACUMBERT SAGT: WENN ICH NOCHMALS ZUR WELT KOMME, MÖCHTE ICH EIN HUND SEIN.

Aus: Leo Tuor: Giacumbert Nau - Hirt auf der Greina

Mögen auch eure Wünsche, welche auch immer, sich erfüllen. Besonders der nach wunschlosem Glück. Das wünscht euch zum Jahreswechsel

Florian und das Team der Ruhrschäferei

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Aktualisiert: 19.12.2016 11:50:26