Hirtenbrief #17

Neu: Lernschäferei / Schafe - Ruhrnatur - Menschen: Ruhrschäferei als Lern- und Erlebnisort

Vor einiger Zeit machte die Geschichte die Runde von den Kindern, die glaubten, dass Kühe lila sind. Manche hielten diese Story für einen erneuten, besonders abgedrehten Gag der Werbeagentur für Milka - Schokolade. Aber Kindergärtnerinnen und Lehrer bestätigten, dass eine Generation von Kindern heranwuchs, die Natur kaum noch im direkten Kontakt erlebte, sondern nur noch als virtuelles Remake. Sie berichteten von Siebenjährigen, die vor einem echten Huhn mit panischem Schrecken davonrannten, als wäre im Jurassic Park die Nachzucht von Tyrannosaurus Rex hinter ihnen her. Oder von Kindern, die auf dem Teich des Stadtgartens schwimmende Entenküken mit Steinen bewarfen, weil sie das für eine Variante des lustigen Moorhuhnschießens hielten , das Papa am PC veranstaltete, wenn er genervt von der Arbeit nach Hause kam. Irgendetwas läuft da offenbar schief.

Land und Stadt driften, wenn nicht räumlich, dann kulturell auseinander . Selbst in vielen Dörfern wohnen nur noch Pendler, die mit landwirtschaftlicher Produktion nichts mehr zu tun haben. Die Bauernverbände machen sich Sorgen wegen mangelnder Akzeptanz der Landwirtschaft bei der Stadtbevölkerung und schickten kürzlich Jungbauern mit einem Info - Stand in die bekanntlich kreuzfidele Düsseldorfer Altstadt, die den erstaunten Stadtbewohnern vor Anbruch der Trunkenheit verdeutlichen sollten, dass Spinat und Rinderfilet weder bei Aldi noch bei Feinkost Käfer aus der Tiefkühltruhe kommen. Aufzucht, Haltung und Schlachtung von Tieren sind in die Unsichtbarkeit industrieller Fabriken verschwunden. Zusammenhänge von Fläche, Fruchtfolge und Futterproduktion sowie damit zusammenhängende Fragen von Düngung und Gesundhaltung von Pflanzen und Böden sind den meisten ein Buch mit sieben Siegeln, das sie auch nicht weiter interessiert. Die meisten lehnen quälende Massentierhaltung ab, aber die meisten kaufen trotzdem das billige Schrottfleisch, mit dem der Handel in der Grillsaison den Markt überschwemmt.

Eine inzwischen etablierte und möglicherweise nachhaltigere Strategie zur Minderung der ökologischen Erfahrungsarmut von Stadtmenschen besteht in der Einrichtung sogenannter Lernbauernhöfe, die Kindern und Erwachsenen Erfahrungen auf dem Bauernhof ermöglichen. Ein Besucher der Schafherde berichtete kürzlich, dass sein kleiner Sohn an einer Pferdekoppel das Pferd frohgemut aufgefordert hatte: Sag doch mal MUH! Für die geschockten Eltern war das der Anlass , umgehend einen der nur noch wenigen Bauernhöfe aufzusuchen, der dem Kind eine vergleichende Betrachtung von Pferd und Kuh ermöglichte.

Nun sind im Ruhrgebiet die Bauerhöfe, mit welchem Tierbestand auch immer, dünn gesät. Zwar sind sie häufiger, als der gemeine auswärtige Ruhrgebietsignorant sich das vorstellt, aber insbesondere Lernbauernhöfe sind quasi keine da. Was ebenfalls - und das nicht nur regional - eine echte Rarität ist, ist eine LERNSCHÄFEREI. Was bietet sich also mehr an, als die Einrichtung einer Lernschäferei bei uns im Revier?

Schon bald nach ihrer Gründung wurde deutlich: Die Ruhrschäferei ist weit mehr als ein landwirtschaftlicher Betrieb zur Erzeugung von Schaffleisch. Weil sie sich nicht in den Weiten des Diepholzer Moors verbirgt oder als einsamer Vorposten entlegene Nordseedeiche beweidet, sondern als wandernde Schäferei im Ballungsraum Ruhrgebiet Bestandteil des öffentlichen Raumes ist, ist durch sie ein verzweigtes interaktives soziales Gesamtkunstwerk entstanden. Schon jetzt umfasst es eine wachsende Vielzahl von Personen , die sich als Freunde, Paten, Stallbaumeister, Fleischaktionäre, Kooperationspartner, Besucher, Naturfreunde , Abnehmer von Lammfleisch oder Begleiter beim Zug der Herde um diesen Treffpunkt herum begegnen.

Vor der Haustür der Stadtbewohner bietet die Ruhrschäferei einen erlebbaren Dreiklang aus STADT - SCHÄFEREI - NATUR . Beim Ziehen der Schafe durch die Straßen der Wohnquartiere öffnen sich die Fenster . Menschen stehen mit Handys am Straßenrand und schicken die ehemals vertrauten, aber inzwischen als sensationell empfundenen Bilder an Freunde und Bekannte. Kinder laufen atemlos neben der Herde her und alte Menschen erinnern sich strahlend an ihre Jugend in den Dörfern des Abend - und Morgenlandes.

Die Nachricht „Die Schafe sind wieder da“ verbreitet sich in der Nachbarschaft einiger Flächen wie ein Lauffeuer. Rücksichtsvolle Hundebesitzer informieren sich per App über die neue Lage, Mütter mit Kindern und andere Anwohner kommen aus den Häusern und begrüßen Schäfer, Hunde und Schafe.
Dieses Interesse haben wir bisher mit einigen Erlebnis - und Mitmachangeboten aufgenommen - mit Wintergeschichten am Stall, Besuchen von Kindergärten und Schulen an der Herde oder der Begleitung der Herde durch Jugendgruppen.

Weil wir erleben, dass diese direkte Begegnungsmöglichkeit viele Menschen anspricht und offenbar Stimmungen und Interessen berührt, für die es im üblichen Stadtleben keine Resonanz gibt, haben wir uns entschlossen, der RUHRSCHÄFEREI einen eigenen Bereich LERNSCHÄFEREI als selbständiges Schwesterunternehmen zur Seite zu stellen.

Start-Up mal anders: Echte Schafe statt digitaler Performance

Zuständig für den Aufbau dieser Lernschäferei ist Linda. Sie ist Lesern früherer Hirtenbriefe u.a. dadurch bekannt , dass sie ein verhaltensgestörtes Schaf , das der erboste Schäfer zu Salami verarbeiten wollte, stattdessen auf dem Bauspielplatz Neumühl unterbrachte . Einer sozialpädagogischen Einrichtung , wo ihm in der Folgezeit die dort versammelte resozialisierende Fachkompetenz beim Ziel der artgerechten Inklusion zugute kam.

Um die Neugründung LERNSCHÄFEREI nicht nur dem reizvollen Charme der Dilettanten zu überlassen, haben wir uns entschieden, bei einem noch zu wenig bekannten Stiftungsverbund, der sich die Förderung von nicht nur gewinnorientierten, sondern auch sozial sinnvollen und gesellschaftlich nützlichen Start-Ups zum Ziel gesetzt hat zu einem Förderwettbewerb anzutreten. Den haben wir, um es kurz und bescheiden zu sagen, gewonnen.

WER SIND DIE SPONSOREN? Mitglied dieses Stiftungsverbundes ist neben anderen (z.B. der KFW - Kreditanstalt für Wiederaufbau) nicht zuletzt die Haniel Stiftung. Die operative Organisation in Duisburg trägt den etwas gewöhnungsbedürftigen, aber dann umso unvergesslicheren Namen “ Anders Gründer / social impact lab Duisburg“ und befindet sich in den ausgesprochen zusagenden Räumen der Haniel - Akademie in Duisburg - Ruhrort.

Der Preis, den man gewinnt ist eine mehrmonatige, wie wir inzwischen sagen können vorzügliche Qualifizierung in betriebswirtschaftlichen, unternehmens- und steuerrechtlichen Kenntnissen in den Räumen der besagten Akademie . Nach erneutem pitching - Wettbewerb ist Linda mit der Lernschäferei nunmehr in der Endausscheidung mit fünf anderen Bewerbern Ende September in Frankfurt. Auch das freut uns mit der für uns typischen Bescheidenheit sehr. Umso mehr, als dem/ den Gewinnern eine weder unbedeutende noch unwillkommene Geldsumme als Starthilfe winkt. Wir wünschen Linda, die u.a. nach einem ersten Praktikum in der Ruhrschäferei vor mehreren Jahren inzwischen auch mehrere Qualifizierungsmassnahmen im Bereich Bauernhofpädagogik und tiergestützte Therapie absolviert hat viel Glück.

Kürzlich wurde im Fernsehen berichtet, dass in Lettland die Gründung eines Start-Ups 20 Minuten dauert. Davon kann, wie wir gerade erleben, hierzulande keine Rede sein. Aber wenn demnächst die letzten Gründungs-Hürden überwunden sind, wird die LERNSCHÄFEREI unter Lindas Regie eigenständige Kooperationspartnerin der RUHRSCHÄFEREI sein und für Schulen, Kindergärten, Altenheime und sonstige interessierte Gruppen und Einzelpersonen ansprechbar sein. Schon mal vormerken.

In einer Gesellschaft, in der nicht nur städtische und ländliche Lebenswelten auseinanderdriften und in der noch nicht alle begriffen haben, dass man Apps nicht essen kann und dass Städte auf ökologischen und biologischen Voraussetzungen beruhen, die die städtische Gesellschaft in der Regel verdrängt, ist die LERNSCHÄFEREI ein praktischer Beitrag , die Kluft zwischen elementaren Lebensbereichen zu verringern. Oder auch, wie der Franzose sagt : bridging the cultural gap. Eine Brückenbauerin.

Bei Interesse einfach melden bei:
LERNSCHÄFEREI - LINDA WEBER
E-Mail: linweb@gmx.de
Tel : +49 170 48 04 673

Am Tag, als der Regen kam

Seit fast zwei Wochen fand die Herde auf den verdorrten Weideflächen kein Futter mehr und musste am Stall mit Silage und Kartoffeln versorgt werden.

Aber dann schließlich schien die Zeit der Dürre für dieses Jahr doch vorbei zu sein: Es hat, erst fast ungläubig, dann erleichtert begrüßt, tatsächlich geregnet. Nicht wirklich reichlich, aber mehrfach, sodass jetzt nach einigen Tagen auf manchen Flächen ein leichter Grünschimmer erscheint, der das trostlose Braun zurückdrängt. Florian hofft, dass die Herde in anderthalb Wochen losziehen kann und auf den ersten Flächen wieder Futter findet.

Eine langsam anwachsende Bedrohung, die in diesem Sommer unerwartet aufgetaucht war, ist vorbei. Aber etwas ist anders als vorher. Auch in unseren Breiten haben Menschen eine Ahnung davon bekommen, dass niemand sich wirklich darauf verlassen kann, das Lieblingskind der Natur zu sein - nicht einmal wir.

Nichts sollte uns deswegen davon abhalten, wenn es denn einen schönen Herbst gibt, ihn zu genießen. Meint

Florian und das Team der Ruhrschäferei

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Aktualisiert: 15.09.2018 09:49:39