Hirtenbrief #18

Geisterbahn und Weihnachtsfrieden

Morgen ist Heiligabend, das Jahr geht zu Ende. Seit gestern werden die Tage wieder länger, auch wenn man es noch nicht merkt und der Himmel trüb überm Land hängt. Durch die diesige Luft im Landschaftspark Duisburg-Nord schimmern in der Dämmerung die bunten Lichter der Hochofensilhouette - schon lange ein postindustrielles Feenreich, während einige Kilometer weiter auf Prosper Haniel grade die allerletzte Schicht des deutschen Steinkohlebergbaus gefahren wird. Und langsam, ganz kurz vor Weihnachten, kehrt etwas von der Stimmung ein, die einmal in der Kindheit die ganze Adventszeit andauerte und die den Erwachsenen dann abhanden kam. Manche meinen ja, nicht nur das Zigeuner- sondern auch das Schäferleben sei lustig. Das stimmt aber nur in meist ziemlich schlechten Operetten. Das letzte Vierteljahr war für die Ruhrschäferei nicht nur, aber auch eine verzichtbare Ansammlung von Turbulenzen, die kein Mensch braucht. Fragt uns nicht, welche - das wollt ihr nicht wirklich wissen. Vielleicht erzählen wir das ein andermal.

Nur so viel: Es gibt im Leben des Schäfers Vieh- und Eierdiebe, wildernde Hunde, richtig schlechtes Wetter und neuerdings wieder Luchse und Wölfe . Außerdem gibt es aber noch behördliche Anordnungen, von denen der Heidedichter Herrmann Löns, der immerhin den Werwolf erfunden hat, null Ahnung hatte. Angesichts solcher behördlich installierter Geisterbahnen würde der Schäfer, hätte er die Wahl, eine nächtliche Begegnung auf nebliger Wacholderheide mit Grindel aus dem Sumpf einschließlich seiner wirklich schlimmen Mutter bevorzugen. Aber manches im Leben kann man sich nicht aussuchen. Halloween hat gruselig viele Gesichter. Das Gute ist : Nach dem Allerteufelstag kommt erst Allerheiligen, danach kommt Weihnachten.

Das ist morgen - noch einmal schlafen. Die Weihnachtsbäume sind aufgestellt - in den Fußgängerzonen und in den Wohnungen. Die Weihnachtsbäckerei mit der uferlosen Produktion von Plätzchen, Schokoladenkeksen und Festtagskuchen hat ihre schlimmsten Exzesse überschritten . Die Einkaufslisten sind fast abgearbeitet, die Kühlschränke sind mehr als voll und der Festtagsbraten ist eingelegt. Das Fest kann beginnen. Möge es eine friedlichere Zeit bringen.

Schwarzköpfe

Heute hat Florian zwei neue Böcke in den Pferch gesetzt. Schwarzköpfe, die das Gesicht der Herde verändern werden. Von den anderen Schafen werden sie eher mit Befremden aufgenommen, nach dem bekannten Motto: Wir haben nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier. Wer schützt jetzt unsere Kinder vor schwarzen Gesichtern mit schwarzen Füssen ? Ihre Wolle ist etwas grober, als die der Merinos, sie werden dafür den Fleischertrag der Herde verbessern.

Die Merinos sind Abkömmlinge der uralten spanischen Schafzuchttradition, die ihre Wurzeln in Al Andalus, dem siebenhundertjährigen Reich der Mauren hatte. Jedes Merinoschaf ist insofern, auch wenn es den einen oder die andere überrascht, bei Licht besehen ein interkultureller Beleg, dass der Islam zu Nutz und Frommen des Abendlands schon seit langem zu Europa gehört . Gibraltar - der Berg des Tarik - hatte schon seit der Zeit der Sarazenen nicht nur seine Affen, sondern auch seine Merinos und war tausend Jahre, bevor es britisch wurde, arabisch. Allerdings machten die Briten dann nicht die Merinos, sondern die Affen zum Inbild ihrer Herrschaft über die Halbinsel, bevor sie letzten Endes bei Brexit und Theresa May landeten.

Die Schwarzköpfe dagegen stammen von englischen Schafrassen, u.a dem Oxford- und Suffolkschaf ab. Sowohl Merinos, als auch Schwarzköpfe wurden zu verschiedenen Zeitpunkten je nach Entwicklung der Woll- und Fleischpreise immer wieder mit einheimischen deutschen Landrassen gemischt. Nicht nur die Woll- sondern auch die Fleischproduktion konnte dadurch gesteigert werden.

Arabisch- spanische Merinos, britischstämmige Schwarzkopfschafe, deutsche Landrassen - ein schönes europäisches Durcheinander und ein hübsches Beispiel dafür, dass das Ergebnis von Vermischung, internationalem Austausch und Integration von kulturellen Beiträgen aus aller Herren Länder sehr lecker sein kann und warme Pullover ermöglicht. Ängstliches Festklammern an heimischer Leitkultur und übertriebene Identitätspflege dagegen führt zu mageren Schafen mit dürftiger Wolle. Das will doch keiner.

Wir sind gespannt auf die ersten Lämmer mit schwarzen Gesichtern.

Nachtwanderung

Die verheerende Dürre dieses Sommers hatte dazu geführt, dass lange vor der Zeit die Weideflächen verdorrt waren wie die Serengeti, bevor der Regen kommt - gelbes Gras auf einem Boden, der von tiefen Rissen durchzogen war und die wenigen Tropfen, die fielen, einfach im Nichts verschwinden ließ. Die Herde musste mitten im Sommer wochenlang mit Silage und Kartoffeln gefüttert werden - eine erhebliche unplanmäßige Kostenbelastung. Schließlich, nachdem zögernd das Wetter umschlug und die Niederschläge zunahmen, wurde die Herde wieder auf eine Grünlandfläche mit neu sprießendem Bewuchs geführt.

Am Sonntagabend rief Florian an: Wir müssen hier weg - das Futter reicht nicht. Die Herde ist nur noch mit Mühe im Pferch zu halten. Die Fläche ist zu nah an der Autobahn und das Risiko, wenn die Schafe nachts ausbrechen, ist zu groß. Das hieß: Zum ersten mal ein Zug bei Nacht.

Wir ziehen im Dunkeln los, an der Einmündung von zwei Autobahnabfahrten vorbei, unter der A3 her. Die Autos auf der Gegenfahrbahn sehen uns, fahren langsam. Plötzlich dreht der erste hoch und rast seitlich an der Herde vorbei. Loni, die an der Seite wehrt, wird von einem Rad am Bein erfasst. Mara, die hinter der Herde läuft, springt auf die Fahrbahn, hält das Fahrzeug an und sagt dem Fahrer, dass er den Hund verletzt hat. Der reagiert nicht und verschwindet im Dunkeln. Zum Glück haben wir die Nummer.

Michael, der den Abschlusswagen mit dem Viehhänger fährt und für sein friedliches und gewaltfreies Wesen bekannt ist, denkt: Eine Zwille mit mittelschweren Maschinenschrauben wär nicht schlecht. Nicht ganz wenige Schäfer sind in Verfahren wegen Körperverletzung verwickelt. Nicht ganz wenige hatten ähnliche Situationen erlebt. In aller Regel reagieren Autofahrer rücksichtsvoll, interessiert und behutsam auf die Herde. Aber es gibt Ausnahmen, die vermutlich nur mit der Schrottpresse zu heilen sind.

Loni humpelt heftig und hat eine massive Verletzung am Bein. Wir versorgen sie provisorisch und packen sie ins Auto. Später, nachdem die Herde eingepfercht ist, fahren Florian und Mara den Hund in die Tierklinik. Sie wird unter Narkose operiert und genäht und ist vier Wochen krankgeschrieben.

Wir überqueren die Emscher, verlassen mit der Herde die Straße und sind jetzt im Bereich des zukünftigen Holtener Bruchs. Auf einer Megabaustelle, auf der in einer bergbautechnischen Meisterleistung als letztes Stück der Emscherrenaturierung in 50 Meter Tiefe ein Pumpwerk für die zukünftige Schmutzwasserführung der Emscher gebaut wird . Insgesamt ein immerhin milliardenschweres Lehrstück in zeit- und budgetplangerechter Ausführung für alle, die woanders versuchen, einen Flughafen zu bauen oder einen Bahnhof zu verbuddeln. An der Oberfläche wird nach Rückverlegung des Deiches eine 30 Hektar große Auenlandschaft entstehen.

Michael ist hier früher hunderte von Malen entlang gejoggt, aber hier ist nichts mehr an seinem Platz . Auf der Baustelle ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Stattdessen sieht die Fläche aus, als ob hier ein Sandkasten für Brontosaurier und verhaltensgestörte Riesenkinder entstanden wäre. Aufgeschobener Mutterboden, Sandhügel, Absperrungen, Sackgassen, Mulden, Spundwände und Betonrohre die den Weg versperren. Wir ziehen im Blindflug, weil es stockdunkel ist. Mehrmals muss Florian die Herde drehen, weil es nicht mehr weitergeht. Schließlich finden wir einen Zugang zum Emscherdeich und koppeln die Tiere ein. Zum Glück gibt es genug Futter um die Schafe bis zum nächsten Morgen da zu lassen. Bei den Wanderschäfern in Baden-Württemberg, die früher mitten in der Nacht teils mehrfach umkoppeln mussten, um den Schafdung gleichmäßig auf die Übernachtungsfläche zu verteilen, gab es den Spruch: Das Pferchen in der Nacht hat der Teufel gemacht. Wir fanden, sie hatten recht.

Ayla und Ebby

Florians beste Hündin heißt Ayla. Eine Süddeutsche Schwarze - so heißt einer der Landschläge der Altdeutschen Hütehunde. Sie kam mit zwölf Wochen zu ihm, ein für ihr Alter schon recht langbeiniges Geschöpf, das in den ersten Wochen nicht ängstlich, aber mit eher kühler Zurückhaltung seine Umgebung beobachtete. Nach einem Jahr war eine elegante, hängeohrige, langhaarige Hündin aus ihr geworden, die nicht rannte, sondern an der Herde entlang zu fliegen schien, wenn die Schafe beim Hüten gedreht werden sollten . Ein schwebender Pfeil, der sich oft sein Ziel selbst suchte, weil er verstanden hatte, worauf es ankam und auch hinter der Herde kaum die Richtungsanzeigen des Schäfers brauchte. Freundlich zu allen Menschen, die sie mit überschwänglicher Freude begrüßte, saß sie, die Herde immer aufmerksam im Blick .neben den weidenden Schafen und brauchte oft nicht Florians Kommando um durchzustarten, wenn eine Gruppe von Schafen sich zu sehr entfernte.

Eines Tages sagt Florian: Irgendetwas ist mit Ayla. Sie zögert manchmal, bevor sie aus dem Auto springt und ist neulich an der Treppe mit den Hinterbeinen weggesackt. Schließlich lässt er sie röntgen.

Das Ergebnis ist niederschmetternd. Ayla, die erst fünf Jahre alt ist, hat eine schwere Form der Hüftgelenkdysplasie, einer durch einen Gendefekt verursachten Fehlausprägung der Hüftpfanne, die zu einem degenerativen entzündlich-arthritischen Prozess im Hüftgelenk führt. Sie soll sich nur noch eingeschränkt bewegen. Wobei auch ein zu weit gehender Verzicht auf Bewegung das Krankheitsbild verschlimmern kann, weil der Abbau der Hüftgelenkmuskulatur schädlich für den Bewegungsablauf des Gelenks ist.

Wenn die Ordnung des Körpers sich unaufhaltsam auflöst in die Unordung bleibt übrig, einen Weg zu finden, das noch Mögliche an körperlicher und seelischer Lebensqualität solange es geht gegen den verfluchten Ablauf der Natur zu verteidigen.

Michael nimmt Ayla ein paarmal mit zu sich in die Wohnung, die Ayla kennt. Aber sie ist unruhig, offenbar unglücklich mit der Situation und außer Rand und Band vor Freude, wenn Florian wiederkommt. Wir können uns nicht vorstellen, sie aus dem Rudel mit Luna und Loni herauszuholen und die Schafe aus ihrem Leben verschwinden zu lassen.

Zur Zeit versuchen wir einen Mittelweg, der für Ayla heißt, dass sie morgens beim Umkoppeln dabei ist, bei dem die Herde sich nur ein paar Meter bewegt, aber dass sie beim Ziehen nicht mehr frei läuft und die Herde treibt, sondern bei Florian oder Michael an der Leine bleibt. In den Zeiten im Sommer, in denen Florian hütet, soll sie bei Michael bleiben, weil sie sonst den ganzen Tag angeleint werden müsste.

Wie lange das so geht, wissen wir nicht. Was wir wissen: Florian braucht einen weiteren Hund. Vor vierzehn Tagen fahren Florian und Mara ins Warburger Land und holen von der Schäferei Rotes Land Ebby - acht Wochen alt, eine Strobelhündin.

Strobel - das ist nicht der Landesvorsitzende der CDU in Baden-Württemberg. Das ist Thomas Strobl. Strobel ist die baden-württembergische Variante der Altdeutschen Hütehunde und muss vom Wortstamm her etwas zu tun haben mit strubbelig, jedenfalls sehen sie im Unterschied zu Thomas Strobl so aus.

Ebby ist ein kleiner knopfäugiger, rabenschwarzer Wuschelbär, der am ersten Tag noch nachdenklich ruhig von seiner Matte hochblickt, aber sich bald zu einem rotzfrechen kleinen Teufel entwickelt, der einen, wenn man ihn spielerisch mit der Hand anstupst, mit seinen spitzen Babyzähnchen in die Finger beißt, an der Hose zerrt und dabei offenbar viel Vergnügen hat. Ein derartig flegelhaftes Verhalten hätten Ayla, Loni und Luna sich nicht erlaubt, sondern hätten nur ein englisch unterkühltes We are not amused signalisiert.

Noch weniger hätten sie es mit neun Wochen lustig gefunden, die Schafherde vor sich her zu scheuchen, die vorm Schaukelpferdgalopp dieser seltsamen Wuselkugel erst mal auf Abstand geht.

Wo Ebby sich einigermaßen zu benehmen weiß ist beim Umgang mit den drei großen Hunden. Das mag daher kommen, dass sie im Gegensatz zu den meisten Welpen, die von alleinerziehenden Müttern aufgezogen werden, von Mutter und Vater in einem Rudel versorgt wurde.

Bei unserem Wurf mit Biauka und Troll konnten wir exemplarisch beobachten, wie in einem sehr konventionellen Rollenverhalten, das von gender mainstreaming meilenweit entfernt war, Biauka die Kleinen mit schier grenzenloser Nachsicht aufzog - weswegen sie später von Welpen nie wieder etwas wissen wollte und die Flucht ergriff wenn irgendetwas Kleines auf sie zukam. Während Troll die Kleinen, sobald es ihm pädagogisch geboten schien, ohne weitere Erläuterungen nach Strich und Faden vermöbelte.

Das führte dazu, dass die Welpen im Unterschied zu den Autoren diverser Hundefachbücher nicht an ein naturgegebenes Schutzgebiet Welpenschutz glaubten, sondern wussten: Welpenschutz gibts nur bei anständigem Benehmen.im Karton. Sonst rappelts

Ebby steckt die gelegentlichen Erziehungsmaßnahmen der Älteren ohne sichtbare Zeichen von Einschüchterung weg, dreht sich um und geht fließend zum nächsten Unsinn über . Sie beantwortet damit die alte Frage der Zen-Meister: Kann ein Hund Buddha-Natur haben? Er kann. Halte dich nicht eine Sekunde lang mit vergangenen Widrigkeiten auf und widme dich ohne anzuhalten noch anzuhaften dem nächsten Abenteuer, das der Augenblick heranträgt.

Sie hat offenbar vor nichts Angst. Ein nervenstarker Kobold, der nicht mit der Wimper zuckt, wenn es scheppert, weil neben ihm ein Blechnapf vom Tisch fällt. Florian und Michael erinnert sie an Troll, den Schafpudel, der Zeit seines Lebens auch bei Tod und Teufel nur eine Richtung kannte: vorwärts.

Ein Wintermorgen. Florian steckt die Netze um. Ayla hält die Herde im Blick, die nicht an der jetzt offenen Seite herauslaufen soll. Das Gras ist mit Raureif überzogen. Von den weißen Spitzen der Gräser halb verdeckt tollt ein kleiner schwarzer Bär durch die Wiese. Ebby versucht die zusammengerollten Netze zu fangen, die Florian schräg neben sich herzieht. Ein schönes Bild. Ein bitteres Bild.

Hirtensprichwort zum Jahresbeginn

Schafe soll man ziehen lassen, Frauen soll man machen lassen und auf Männer soll man nicht hören.

Sagt GIACUMBERT NAU, Hirt auf der Greina.

Gut, manche sehen das anders. Sucht euch aus, was zu euch passt.

Und lasst es euch gut gehen, wie auch immer. wünscht Florian und das Team der Ruhrschäferei.

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Aktualisiert: 04.12.2019 18:01:35