Hirtenbrief # 21

EINE KURZE, ABER EINSTWEILEN TRAURIGE GESCHICHTE VON DER WOLLE:

Es war einmal vor langer Zeit, als das Wünschen auch schon nicht mehr geholfen hat, und nachdem die Menschen sich schon seit tausenden von Jahren mit Kleidern aus der Wolle von Schafen und Ziegen gewärmt hatten ein Königreich auf einer großen Insel im Norden ,auf der Jahre später auch die Wachsjacke erfunden wurde , weil das Wetter dort sehr schlecht war. Dort hatten die adeligen Grundbesitzer ihr Land verpachtet an die landlosen Bauern, die dort Feldfrüchte anbauten und Vieh hielten. Von dem, was sie ernteten, mussten sie einen Teil abgeben an die arbeitslosen Gutsherren, die davon ein zwar sinnloses, aber schönes Leben führten und deswegen Zeit hatten, mit ihren teuren Pferden und unter dem Gekläff ihrer Hundemeuten zu Unterhaltung und Vergnügen von ihresgleichen Füchse zu Tode zu hetzen. Aber im Laufe der Zeit ergab es sich ,ohne dass jemand genau verstand warum, dass sich die Wolle der Schafe, die es im Lande gab, auf dem Markt für viel mehr Geld verkaufen ließ, als man für Gerste oder Möhren oder Hühnereier erhalten konnte. Da kamen die Grundbesitzer, die ein zwar schönes, aber leider teures Leben führten auf die Idee, die Bauern von den Feldern zu verjagen und stattdessen von ihren Schäfern große Schafherden halten zu lassen, von denen sie kostbare Wolle bekamen, die man auf den Märkten auf der ganzen Insel und bis weit nach Europa für schönes Geld verkaufen konnte. Auf dem Lande standen daraufhin viele Dörfer leer und verfielen. Nur die Kirchen, die für den Gottesdienst nicht mehr gebraucht wurden, dienten als Schafställe. Die Bauern, die vom Land vertrieben worden waren, flohen in die Städte, wo sie als unnütze Arme verfolgt wurden, die sich weigerten, einer Arbeit nachzugehen, die es nicht gab. Ein kluger Kanzler am Hof des Königs schrieb damals ein Buch, in dem er von dem Land sprach, in dem die Schafe die Menschen fressen. Viele, viele Jahre blieb die Wolle dann ein wertvolles, begehrtes Gut, mit dem die Menschen sich vor Kälte und Nässe schützten in Zeiten, in denen die Holländer nicht ohne Grund sehr schön anzusehende schneebedeckte Winterlandschaften malten mit vielen Menschen, die auf den zugefrorenen Kanälen Schlittschuh liefen. Die Winter waren zu dieser Zeit erbarmungslos hart und lang und die Häuser konnten nur schlecht geheizt werden, sodass viele Menschen elendig frieren mussten. Die Bilder aber wurden später überaus berühmt und hingen in Museen, in denen es für die Besucher schön warm war, sodass sie nicht wirklich verstanden, was die Bilder zeigten. Die Wolle war so wertvoll, dass in einem großen Königreich im Süden, wo die Menschen von den heidnischen Sarazenen eine Schafrasse übernommen hatten, die sie Merinos nannten, die Ausfuhr dieser Schafe bei Todesstrafe verboten war. Diese Schafe lieferten eine besonders feine Wolle und durften deswegen auf keinen Fall außer Landes gebracht werden. Auch hier mussten die Bauern hinter den Schafen zurückstehen, die von den Schäfern auf Trassen, die so breit waren wie später die Autobahn am Oberhausener Kreuz in großen Herden durchs Land getrieben wurden. Die Zeit verging und änderte sich und ohne dass einer verstand warum , verarmte dieses Königreich nach etlichen Jahren zum Erstaunen seiner hochmütigen, aber ignoranten Adligen, nachdem sich das Land nach der Ermordung von zahllosen Inkas und Mayas an vielen Schiffsladungen mit geraubtem Gold und Silber überfressen hatte und dadurch schließlich eine große Teuerung entstand. Das Königreich im Norden dagegen, das nur Schafe, schlechtes Wetter und Haferschleim mit knallgrünen Erbsen kannte, erfand die erste brauchbare Dampfmaschine. In diesen Zeiten geschah es auch, dass in einem sehr weit entfernten Land auf der anderen Seite des atlantischen Meeres von weißen Siedlern große Plantagen mit Tabak und Baumwolle angelegt wurden. Für die Arbeit auf diesen Plantagen wurden auf Sklavenschiffen viele Menschen von Afrika aus auf diese Plantagen gebracht, die dort arbeiten mussten, solange sie lebten. In dem erfinderischen Inselkönigreich aber wurde aus der Dampfmaschine eine Maschine konstruiert, die den zutraulichen Namen Spinning Jenny erhielt, obwohl viele Menschen sich vor ihr fürchteten, weil sie ihnen die Arbeit wegnahm. Diese Maschine konnte mit bis dahin unerhörter Geschwindigkeit Fäden spinnen - aus Wolle, Leinen, Hanf und Baumwolle. Nachdem dann auf den Plantagen jenseits des Meeres eine Maschine erfunden worden war, mit der man die Samenkapseln der Pflanze entfernen konnte, was vorher die aufwendige Handarbeit von Sklaven gewesen war, begann ein nie zuvor erlebter Siegeszug der Baumwolle durch viele Länder. Vor allem, nachdem das Königreich, in dem es der Brauch war ,dass die Kutschen links fuhren, die halbe Welt erobert hatte bis nach Indien und sich Empire nannte. Die Inder, die früher und schon lange vor den neuen Herren ihre Baumwolle selbst hergestellt hatten, wurden gezwungen, in Zukunft ihre Baumwolltuche aus dem Inselreich zu beziehen und kein Inder konnte die Stoffe so billig herstellen wie Spinning Jenny. Das war für die Baumwollspinner und - weber im Land sehr schlimm aber der Spinning Jenny war es vollkommen egal und ihre Besitzer wurden dabei reich und mächtig. Das Linksfahren aber, das die neuen Herren auch einführten, haben die Inder bis heute beibehalten. Die Baumwolle, die auch - mal respektvoll, mal resignierend - King Cotton genannt wurde und im Laufe der Zeit Handelshäuser aufsteigen und niederstürzen ließ war keine freundliche Herrscherin. Sie war nicht fair und kein unschuldiges Kind des freien Marktes. Sie war von der Sklavenarbeit bis zum mit Gewehren und Kanonen erzwungenen Absatz in den Kolonien ein Kind der Gewalt. Aber kein Mensch sieht ihr das heute noch an. Baumwolle ist zwar nicht so warm wie Wolle, insbesondere, wenn sie feucht oder nass wird, hat aber als Stoff einige Vorzüge. Z.B. kann sie in der Gestalt von Blue Jeans außer bei der Arbeit bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten getragen werden, egal, ob Kindergeburtstag, Maiandacht, Fußballspiel oder Weihnachtsfeier. Und nachdem die Menschen den Hatzfraß erfunden haben, den sie Fast Food nennen, haben sie auch noch die Fast Fashion erfunden, die man besonders schnell wegwerfen kann und wenn die nicht aus Plastik ist, ist sie aus Baumwolle. Einer der Nachteile der Baumwolle besteht neben einem ökologisch sehr unzuträglichen Pestizidverbrauch darin, dass sie bei der Herstellung säuft wie ein Loch. Für ein Kilogramm Baumwolle werden Tausende Liter Wasser gebraucht, was dann von Nachteil ist, wenn Wasser ein knappes Gut ist oder wird. Da der Fortschritt zwar oft eine Schnecke, aber trotzdem nicht aufzuhalten ist, ergab sich wiederum viele Jahre später eine weitere Neuerung, die nicht nur für die Wolle fatal war : Vor ein paar Jahrzehnten brachten Textilingenieure einen Stoff auf den Markt, der dreister Weise und in offenbar betrügerischer Absicht Fleece genannt wurde und damit so tat, als ob er irgendetwas mit dem allen Leuten seit biblischen Zeiten bekannten Vlies der Schafe zu tun hätte . Für die Gebildeten unter den Ahnungslosen womöglich sogar mit dem GOLDENEN VLIES, das im Hain von Ares, dem Gott des Massakers hing, bevor es, wie man aus dem Fantasy - Film „Jason und die Argonauten“ weiß, von Todd Armstrong gestohlen wurde . In Wirklichkeit handelte es sich bei dem Stoff nicht um ein Vlies, sondern um ordinäre ex - und hopp - Plastik, die bestenfalls aus geschredderten Joghurt - oder Coffee – to-go Bechern hergestellt worden war. Die traurigen Reste dieser fabelhaften textilen Innovation sammelten sich im Laufe der Zeit, zunächst unbemerkt hinter dem Rücken ihrer ehemaligen Besitzer, u.a. in einem monströsen Megastrudel im Pazifik, einem Malstrom des Desasters, in dem das ganze Jahr Halloween war und der Edgar Allen Poe das Gruseln gelehrt hätte. Neben weiteren Ingredienzien aus einem zweifellos satanischen Kochbuch bestand er aus zerfetzter High - End - Funktionskleidung , verlorenen Plastiksocken und den elenden Lumpen der vorletzten Fast - Fashion - Kollektion von H&M, Primark und Konsorten. Das ganze gemischt mit dem reichlich vorhandenen sonstigen Müll, der dann im Magen von daran zugrunde gegangenen Robben und Schildkröten gefunden wurde. Früher oder später erreichte diese schwimmende Altlast dann den Zustand ihrer Vollendung in Form von zur Unsichtbarkeit zerriebenen Nanopartikeln, die schließlich in einem ultimativen Recyclingschritt als Bestandteil von Frutti di Mare, Königsgarnelen und Fischstäbchen an Pommes rot - weiß als Krönung und Ende der Nahrungskette auf dem Teller der Menschen landeten. Die essen dann auf diese Weise arg - und ahnungslos ihre ehemalige vierfach gefütterte Snowboardjacke auf und bauen so in ihrem Körper völlig neuartige, in der Natur bisher noch nie gesehene stoffliche Gemengelagen auf, deren Bekömmlichkeit in den ratlos zuschauenden Sternen steht. „Save the sheep“ Wandbild in den Bergen Kretas Bei genauerer Betrachtung dieses schwimmenden Infernos wird die Ratlosigkeit nicht geringer. Die Uno hatte das Jahr 2008 aus gutem Grund zum Jahr der Naturfaser erklärt. Der daraufhin gegründete Verband Discover Nature Fiber Initiative DNFI teilt aktuell mit, dass der Weltbestand an Schafen seit Jahren, insbesondere auf der südlichen Erdhalbkugel stark rückläufig ist. Als einen Grund gibt er die Ausbreitung von Hitze und Dürre insbesondere in Australien an. Klimawandel ist nicht erst irgendwann. Eine weitere von der DNFI genannte Alarmmeldung aber, die zeigt, welchen Tiefstand die Entwicklung erreicht hat, bezieht sich auf die Textilproduktion. Nachdem die Wolle die Menschheit über Jahrtausende hinweg mit einem tatsächlich nachhaltigen, unvergleichlichen Rohstoff ohne Pestizide, Herbizide, Tankerunfälle und sonstige Zutaten der Hölle durch alle Unbilden der Witterung hinweg begleitet hatte ,ist nach Aussage des Verbandes der Anteil von gesäuberter Wolle an der Weltfaserproduktion heute gesunken auf unfassbare ein Prozent. EIN PROZENT! Ein wunderbares Geschenk der Natur wird ohne Sinn und Verstand eingetauscht gegen technologisch anspruchsvollen Schrott. Homo faber, der technisch begabte Mensch, endet als tragische Verkehrung des märchenhaften Hans im Glück, der ein Goldstück frohen Herzens im Tausch gegen einen wertlosen Feldstein wegschenkt und zum guten Schluss frei und glücklich ist, als ihm der in den Dorfbrunnen fällt. Bei uns landet der Plunder im Meer, aber glücklich wird dabei keiner. Darf das so bleiben? Nein. Schon gibt es neue Initiativen: Hochgebirgsexpeditionen, die wieder die Wolle als Kleidung ausprobieren, Outdoor - Wolllinien bei der sogenannten Funktionskleidung. Schon gibt es junge Leute, die sich weigern zu akzeptieren, dass man die Rauwolle von Pommernschafen, die Jahrhunderte lang für Fischerjacken und Segeltuch bei wirklich schlechtem Wetter genutzt wurde nur noch wegwerfen oder als Dünger für prächtig blühende Rosenrabatte vergraben kann. Aus Sicht des Blumenfreundes zweifellos ein moralisch hochstehender Zweck, aber eine Verschwendung von wunderbaren natürlichen Eigenschaften, weswegen jetzt wieder wetterfeste Jacken und Hemden daraus gefertigt werden, die schon Outdoor waren, als noch keiner wusste, was das war. Reicht das? Nein. Die Lagerhäuser der Schäfer und Wollhändler sind z. Zt. voll mit unverkäuflicher Wolle. Auch die Ruhrschäferei lagert von der letzten Schur noch 500 Kilo Wolle, für die sich bisher kein Käufer findet. Schafherde auf Kreta Es ist Zeit, Schluss zu machen mit der hanebüchenen Rosstäuscherei bei der Textilvermarktung. Die Wolle bleibt u.a. auf der Strecke , solange auf you tube sogenannte Influencer, deren geschmackliche Minderbegabung schon schlimm genug wäre, die aber darüber hinaus mit völliger Abwesenheit irgendwelcher Qualitätsstandards geschlagen sind, ihrem Publikum , das möglicherweise auch nicht immer die hellste Kerze auf der Torte ist, ihren Ramsch als unbedingt angesagt präsentieren. Ein dringender Fall für die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Zu ergänzen wäre das im Schulunterricht durch Ausweitung des nur fragmentarisch angebotenen Fachs Warenkunde, ein Thema, bei dem möglicherweise bei Schülern und Lehrern gemeinsamer Entwicklungsbedarf besteht. Und es ist Zeit, auf Plastikkleidung einen Warnaufdruck wie auf Zigarettenschachteln anzubringen, dekoriert mit ansprechenden Fotos von erstickten Seevögeln aus dem Nordpazifikwirbel. Textvorschlag: Plastikkleidung gefährdet die Gesundheit der Erde, verschleudert Ressourcen , unterstützt AMAZON dabei, sich dumm und dämlich zu verdienen und führt dazu ,dass die Paketdienste täglich dreimal in Ihrer Straße rumfahren, um dringend gebrauchte must - have Klamotten auszuliefern, bevor die als Fast - Fashion - Retouren ungeöffnet auf dem Müll landen . Meister Yoda, der schon viel gesehen hat im Universum würde fragen: Falls es auf der Erde intelligente Wesen gibt: können die das wollen? Wir hoffen: Nein. Deswegen VLIES statt Fleece. NOVEMBER Die Schafe stehen auf einer Talwiese vor dem großen Wald. Seit Tagen gibt es immer wieder Regen, aber wenn man den Boden aufgräbt ist der nach einigen Zentimetern staubtrocken und hart. Es wird lange dauern, bis die letzten trockenen Sommer ausgeglichen sind. Manche sagen: Wir werden ein Land der Trockenheit bleiben. Die Blätter an den Bäumen leuchten in allen Braun - und Rottönen. . Altweibersommer. Indian Summer. Was verbindet alte Frauen und Indianer mit dem Herbst? Noch einige stürmische Tage, dann werden die Bäume kahl sein, aber der Herbst kam spät. Wenn es trocken war flogen noch Ende Oktober in der Dämmerung Fledermäuse über die Herde .Halb im Spiel sprangen die Hunde nach ihnen, aber die Flattertiere ließen sich nicht fangen. Wenn die Herde zieht, ist sie unter Eichenbäumen kaum weiter zu bewegen, weil die Eichelernte des Sommers am Boden liegt. Ein Festmahl. Auch die Hunde bringen die Tiere kaum in Bewegung und schauen Florian hilfesuchend an: Was sollen wir machen? Die kommen einfach nicht. Irgendwann gelingt es den Hunden eine Gruppe herauszulösen und die anderen Tiere zögern noch, fressen hastig noch einige Eicheln und rennen dann hinterher. Jedes Jahr ein ungenutzter Schatz am Boden der verrottet. Vor langer Zeit wurden die Tiere im Herbst in den Wald getrieben, um Bucheckern und Eicheln zu fressen. In Verbindung mit nicht nachhaltiger Holzentnahme führte das zu einer Krise des Waldes durch Übernutzung. Die Waldweide wurde verboten. Heute ist nicht die Zeit, sie wieder einzuführen. Nie war die Krise des Waldes grösser. Ein verhangener Himmel und ein feiner Regen hängen über der Herde. Die vierhundert Tiere verteilen sich auf der Fläche und die weiter entfernten verschwinden fast im Dunst. Vor uns liegt die dunkle Zeit. Keiner weiß, was der Winter bringt. Euch allen, Corona hin oder her, wünschen wir schöne Waldspaziergänge, demnächst eine erfolgreiche Weihnachtsbäckerei mit Plätzchen, die man zur Not auch in kleinerer Runde essen kann und wenn ihr Lust habt, kommt mal bei der Herde vorbei. Der Schäfer mag Kekse. Eine gute Vorweihnachtszeit wünscht euch Florian und das Team der RUHRSCHÄFEREI.

Kategorie: 

Aktualisiert: 16.11.2020 09:48:11