Hirtenbrief Nr.23

                                HIRTENBRIEF  NR. 23                   

                                 DEZEMBER 2021

 

IM EMSCHERBRUCH. BERGBAU GOES NATURSCHUTZ ODER: DIE POSTMONTANE WIEDERKEHR DER WILDNIS. Am neuen Deich des Holtener Bruchs sind  fast alle Bauzäune abgeräumt. In einem langen, ausgreifenden Bogen zieht sich der bereits grüne Wall um den zukünftigen dreissig  Hektar grossen Auenbereich, der  bald als Überschwemmungsgebiet der  renaturierten Emscher  ein ausgedehntes wechselfeuchtes Biotop bilden wird.

EIn bisschen Zeitreise zurück ist das zum historischen Sumpfgebiet des auch damals nur  langsam fliessenden Flusses, in dem noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Herden von verwilderten Hauspferden lebten, bekannt als Emscherbrücher Dickköppe. Die letzten von ihnen wurden verkauft an den Herzog von Croy, bei dem sie im Merfelder Bruch, getarnt als  Dülmener Wildpferde, bis heute überlebten als heimliche Sendboten des Emschertals.

 Der Holtener Bruch wird demnächst als  wichtiges Element  der  klimaangepassten Schwammstadt  der Zukunft die umliegenden  Wohnbereiche  vor den  Auswirkungen von Starkregen schützen  -  STARKREGEN: ein Wort, das bis vor ein paar Jahren im  Sprachschatz des durchschnittlichen Ahnungslosen noch nicht vorkam, so ähnlich wie:  EXTREME WETTEREREIGNISSE. Die  könnten sonst  im Emschertal ,wenn das Rückhaltesystem versagt, eine postmontane Sintflut bescheren, weil  150 Jahre Kohleabbau grosse Teile des  Gebiets für den  voraussehbaren Teil der   Ewigkeit zu einer  gewaltigen Salatschüssel abgesenkt haben. Die würde dann hemmungslos volllaufen .Ein Albtraum, nicht nur für die Emschergenossenschaft.

Fünfzig Meter tief unterhalb der Bruchfläche wird, sozusagen als ultimatives  technisches Meisterwerk  bergmännischen Könnens, ein gewaltiges Pumpensystem  in Kürze  das dann verrohrte Abwasser auf die notwendige Fliesshöhe  Richtung  Klärwerk Emschermündung  heben, bevor es als Klarwasser im neugeschaffenen Flussdelta in den Rhein fliesst.

Im ersten Winter der Ruhrschäferei stand die noch kleine Herde hier auf dem alten Emscherdeich und wurde vom Schäfer  nur  stundenweise auf das angrenzende Rapsfeld  gelassen, um für die Schafe  bei der heiklen  Futterumstellung von Magerrasen auf Raps keinen tödlichen Eiweisschock  auszulösen

Statt Raps wird dort in Zukunft , flankiert von extensiver landwirtschaftlicher Nutzung in den höhergelegenen Randbereichen, ein Lebensraum für Kreuzkröten, Ringelnattern, Reiher, Drachenwurz und Erlen entstehen. Ein Stück Wildnis in der Stadt . Zur Beruhigung für die ordnungsliebenden  Liebhaber  von Geranienrabatten  und englischem  Rasen,  die dem ausufernden Wuchern der Natur mit  Laubbläser , Heckenschere und motorgestütztem Kantenschneider  die tapfere Stirn bieten :  Mit Sumpfkrokodilen wird hier  auch bei fortschreitender Erderwärmung vorerst nicht  zu rechnen sein, vorausgesetzt ,das in fussläufiger Entfernung liegende angeblich  grösste Zoogeschäft der Welt hat sein Reptiliensortiment im Griff.

 Einige Jahre später  kam Florian hierhin zurück  bei der ersten und einzigen Nachtwanderung mit den Schafen, die unerwartet  notwendig wurde,  weil eine Fläche an der Autobahn sich als nicht ausbruchsicher herausgestellt hatte.

 Beim Übergang auf die Vennfläche  raste ein Autofahrer, der die gut sichtbare Herde im Gegensatz zu anderen Autos nicht passieren lassen wollte  ,an der Herde vorbei und verletzte dabei die Hündin Loni, die darauf wochenlang für die Arbeit ausfiel , was überdies ein paar hundert  Euro Tierarztkosten bedeutete.

Ein durchgeknallter , mieser Feigling, der sich später mit Lügen aus der Affaire zog.  In der Hölle ist für ihn  ein Platz reserviert, an dem Hephaistos, der  griechische Gott des Feuers, ihm Tag für Tag mit einem glühenden Wagen über die Füsse fährt.

Wir untersuchten, versorgten und verstauten Loni  im Begleitwagen und die Herde zog  dann  weiter in die Dunkelheit  der  Bruchfläche. Jenseits des Emscherdeichs türmten  sich bis in die Nachtwolken hinauf die tausend weissen Lichter  der  Ruhrchemie , gegen  deren funkelnde Pracht  die  weihnachtlichen Bemühungen der landläufigen Fussgängerzone  ein müder Abglanz sind . Ein Industriegigant als ganzjähriges Lichterfest und ein Leuchtturmprojekt sui generis im Landschaftspark Emschertal.

Das reichte allerdings nicht aus, unseren Teil der Fläche diesseits der Emscher zu erhellen. Michael kannte von seinen Rollertouren mit den Hunden hier jeden Stein, Es stellte sich nur heraus, dass wegen der Vorbereitungen der Deicherweiterung hier kein Stein mehr auf dem anderen war. Stattdessen türmten sich Berge aufgeschobener Muttererde neben neuentstandenen Senken, Wege endeten als Sackgassen, aus früheren Pferdeweiden war ein chaotischer  Handgranatenwurfstand mit Hügeln und Löchern geworden  - mehrfach musste Florian  in rabenschwarzer Finsternis die komplette Herde drehen ,weil es nicht weiterging. Schliesslich beschloss er, die  Schafe auf den Deich zu ziehen und dort übernachten zu lassen. Wegen der jenseits dunkel glänzenden  Emscher nicht ohne Risiko, aber auf dem Deich war genug Gras  , um die Herde  vom hungerbedingten  Ausbrechen abzuhalten.

In der Morgendämmerung  versetzte das aufziehende Licht  Schafe, Planierraupen und Lastwagen in gegenseitiges Erstaunen. Nachtäglich erhielten einige hundert Schafe die Lizenz zum  verbotenen Betreten der Baustelle. Ob einige Mutterschafe noch eine Erinnerung an das Rapsfeld hatten, das sich jetzt in elenden Sand verwandelt hatte, können wir nicht sagen. Entlang der Emscher zog die Herde am Vormittag weiter nach Norden.

ÜBER DEN FLUSS UND AUF DIE HÜGEL. Eine Obstwiese am Ingenhammshof, im Hintergrund die Silhouette des alten Meidericher  Hochofens. Die Herde übernachtet hier auf ihrem Weg zur anderen Rheinseite. Gregor , der das Fahrzeug mit dem Begleithänger fährt  , hat am Vortag die Strecke mit dem Motorrad abgefahren ,um sich zu überzeugen ,dass keine herdenuntauglichen  Baustellen und Umleitungen den Weg versperren.

 Die Hunde sind aufgeregt, weil sie wissen, dass es gleich losgeht. Dann ruft Florian die Herde , die sich zögernd in Bewegung setzt, nachdem Ebby ,die als einzige Gangart  ausschliesslich  Höchstgeschwindigkeit  kann, hinter der Herde Druck macht. 12 Kilometer liegen vor ihnen bis zu den Halden hinter dem Venatorgelände.   Zum letzten Mal  zieht die Herde entlang der alten Emscher auf  den Dammweg und verschwindet  vorbei an der Kraftzentrale. Drei Stunden später erreicht sie jenseits des Rheins die Halde hinter dem  Werksgelände.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    

In einigen Wochen wird ein  anderer Schäfer  die Tiere in Homberg  abholen und in einer grösseren Herde über neue Wege zu anderen Flächen führen. Über ihnen wird derselbe Mond stehen und auch dort  wird der Winterwind an ihrem Wollmantel zerren, bis die Nächte wieder kürzer werden und  der Morgen  wieder früher  kommt und etwas später dann  gelbe Blüten die ersten Bienen  versorgen.

 Um diese Zeit wird sich Tobias mit einer dann noch kleinen Herde auf den  gewohnten Weg der Ruhrschäferei  machen , wird über alte Bahntrassen  durch den Landschaftspark und durch das Nadelöhr am Nordhafen ziehen, wo sich über eine kurze Strecke Schafe und Schwerlastwagen den Weg teilen müssen, bis die Herde hinter dem Kreisverkehr durch die alten Wohnstrassen von Ruhrort  die Rheinbrücke erreicht und dann den  Leinpfad am linken  Rheinufer nach Süden  zieht , um dort  mit frischem Gras einige Wochen zu verbringen auf den grünen Hügeln von Homberg.

 Und weiterhin  werden Schafe durch die Stadt ziehen und alte Leute werden stehen bleiben und sagen Das ist wie in meiner Jugend. Und wenn man fragt, wo das war, sagen sie: In Anatolien oder in Kroatien oder in Masuren oder am Rhein - Herne Kanal . Und die laute Stimme eines Schäfers wird weiter rufen: KOMM, MEINE KOMM!  Und aufgeregte Kinder werden nebenher laufen und fragen: Wie weit lauft ihr ? Und wohin? Und der Schäfer wird sagen: Wer weiss das schon? Und er wird seine Hunde rufen und weiterziehen -   bis zum nächsten Jahr.

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Aktualisiert: 23.12.2021 08:27:55